Langenthal

Vom Fussballer zum Sozialfall

Die Mobiliar Versicherung forderte über 105 000 Franken zurück (Bild: Archiv)

Mobiliar

Die Mobiliar Versicherung forderte über 105 000 Franken zurück (Bild: Archiv)

Mobiliar Versicherung in Langenthal klagt gegen Mann

Julian Perrenoud

Eigentlich wollte Omar K.* Fussballprofi werden. Ende der 80er Jahre spielte er probehalber beim Nachwuchs der besten Schweizer Mannschaften. Doch der Traum vom grossen Geld platzte. Unfälle und Verletzungen waren die ständigen Begleiter des Langenthalers. Das letzte Ereignis war eines zu viel: Am 24. Oktober 2005 baute er einen Auffahrunfall. Die Folge: Übelkeit, Kopf- und Nackenschmerzen. Er ging nicht mehr zur Arbeit. Während drei Jahren bezog er Heilungskosten von der Mobiliar Versicherung. Gestern forderte diese vor dem Aarwanger Gericht über 105 000 Franken zurück. Der Mann sei nicht zu 100 Prozent arbeitsunfähig, so der Vorwurf.

Die Löhne nicht mehr bezahlt

Omar K. baute 1991 bei Chur mit seinem Auto einen schweren Selbstunfall, fiel kurzzeitig ins Koma. Nichts sei mehr gewesen, wie es einmal war, sagte sein Anwalt. Der Auffahrunfall vor sechs Jahren habe eine kumulative Wirkung gehabt - den Zustand seines Klienten drastisch verschlechtert. Er ging nicht mehr zur Arbeit, wurde deshalb von seinem Arbeitgeber, der Stadt Langenthal, freigestellt. Sein Amt als Fussballtrainer gab er auf. «Ginge es mir gut, hätte ich das nie getan. Ich war gerne Trainer», sagte der Angeklagte. Er wollte arbeiten. Er eröffnete mit seiner damaligen Freundin eine Boutique in Langenthal. Danach eine in Murgenthal; eine in Olten und eine in Kriens. Die Ware - Schals, Hüte, Ringe - besorgte er aus der Türkei. Was fehlte, waren die Einnahmen. Omar K. bezahlte seine Angestellten nicht mehr. Das ging so weit, bis die Praktikantin aus der Kasse 200 Franken stahl - weil sie nie Lohn erhielt. Sie war eine von zwölf Zeugen, die das Gericht gestern vorgeladen hatte. Mittlerweile gibt es keine Boutiquen mehr.

Frühere Freundin mit Messer bedroht

Die Mobiliar liess den Angeklagten zwischen 2003 und 2005 überwachen. Herausgekommen sei das Profil eines Mannes ohne Beschwerden. So habe er Partys besucht, simuliert und eben in seinen Boutiquen gearbeitet. Die Versicherung beschuldigt ihn deshalb des Betrugs. Dies, obschon sich die Zeugen uneinig sind. Da waren einige ehemalige Mitarbeiterinnen von Omar K., die ihn als arbeitsfähig beschrieben, so auch seine Ex-Frau, mit der er ein Kind hat. Da waren sein Bruder, seine jetzige Frau (ebenfalls Mutter eines gemeinsamen Kindes), die ihm schwere physische und psychische Probleme attestierten. Zu guter letzt klagte ihn vorübergehend seine frühere Freundin und Mitinhaberin der Boutiquen wegen Drohung und Diebstahl an. Als sie sich von ihm trennte, habe er sie mit einem Messer bedroht und ihr bis zu 40 000 Franken der Einnahmen gestohlen. Wie die Boutiquen so viel Gewinn abwerfen konnten, wusste sie nicht. Das Urteil fällt heute. Omar K.: «Ich will endlich normal leben können.» Einen kleinen Schritt in diese Richtung hat er bereits getan: An seinem neuen Wohnort Pratteln ist er Trainer der Fussballjunioren.

* Name geändert

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