Sexsucht
Vier bis sechs Prozent der Schweizer sind sexsüchtig

Jörg Kachelmann, Tiger Woods und Jesse James lassen grüssen. Auch in der Schweiz ist Sexsucht auf dem Vormarsch. Beratungsstellen erleben einen wahren Ansturm. In Zürich und der Zentralschweiz sind neue Selbsthilfegruppen geplant.

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Sexsucht

Schweiz am Sonntag

Jesse James ist das jüngste, bisher wohl prominenteste Beispiel: Der Motorrad-Freak und Ehemann von Sandra Bullock gestand seine Sexsucht, gelobte Besserung und ging in Therapie.

Seit Sexsucht in den Medien ein Thema ist, erkennen immer mehr Schweizer, dass sie betroffen sein könnten: Beratungsstellen sind überlastet, diverse neue Selbsthilfegruppen in Gründung. «Wir haben seit einem Jahr eine Gruppe zum Thema Sexsucht mit 12 Personen. Die Nachfrage ist gross», sagt Werner Huwiler, Geschäftsleiter und Männerberater beim mannebüro züri. «Wenn es so weiter geht, müssen wir eine zweite Gruppe aufmachen.» Auch die Anonymen Sexaholiker, die bereits mit Selbsthilfegruppen in Bern und Chur vertreten sind, bauen derzeit eine neue Gruppe in der Zentralschweiz auf.

Schätzungen gehen davon aus, dass vier bis sechs Prozent der Schweizer Bevölkerung sexsüchtig sind. «Aber die Dunkelziffer ist hoch. Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs», sagt der Sexualberater Rolf Rietmann aus Pfäffikon ZH. Er kann sich derzeit vor Anfragen zu diesem Thema kaum retten: «Ich werde überrannt», sagt Rietmann. Weil das Interesse so gross ist, hält er schweizweit Vorträge über Sexsucht, zudem plant der Berater einen Kurs für Betroffene. Im Juni organisiert darüber hinaus der Fachverband Sucht eine Tagung zum Thema «Online-Sexsucht».

Unter Sexsucht leiden vor allem Männer, aber nicht nur: Die Anonymen Sexaholiker betreuen immer wieder Frauen - und auch in die Zürcher Praxis von Dania Schiftan, Psychologin und Sexualtherapeutin, kommen Frauen, die Rat zum Thema Sexsucht suchen. «Weil das Thema in den Medien sehr präsent ist, sind die Leute verunsichert, ob sie vielleicht auch betroffen sind», sagt Schiftan. Doch sie stellt klar: «Man kann auch drei Mal pro Tag Sex haben, aber nicht süchtig sein - solange man den Sex geniesst.»

Süchtig sei, wer «dranghaft immer wieder Sex suchen muss», den Sex nicht geniessen könne und dadurch nicht satt werde. «Wer sexsüchtig ist, riskiert viel», sagt Dania Schiftan. «Die Männer und Frauen haben vielleicht Sex mit x-beliebigen Personen oder verbringen mehrere Stunden pro Tag mit Internetsex.» Dadurch setzten viele Betroffene ihre Partnerschaft und teilweise auch ihre Gesundheit aufs Spiel. Rolf Rietmann berichtet von Männern, die durch Sex- und Pornografiesucht ihr Leben ruinieren: «Sie suchen immer neue Kicks, konsumieren manchmal sogar Kinderpornografie. Sogar am Arbeitsplatz können sie ihre Sucht nicht kontrollieren, sie werden verwarnt und machen dennoch weiter.» Einer von Rietmanns Klienten verbrachte pro Woche 43 Stunden auf Pornoseiten im Internet.

Doch, immerhin: Sexsucht kann laut den Experten erfolgreich behandelt werden: «Sexsucht ist keine Krankheit, sondern hat mit Grenzen in der sexuellen Lerngeschichte zu tun, die man erweitern kann», sagt Sexualtherapeutin Dania Schiftan. «Die Betroffenen können lernen, den Sex wieder zu geniessen.»