Daniel Kestenholz, Bangkok

Menschen hungern. Reis und Brot werden immer teurer, Rettungskräfte rennen gegen die Zeit an. Menschen horten in Plastiksäcken die letzten Habseligkeiten, die sie gerettet haben. Geschlafen wird auf matschigen Lehmhügeln. Im Wasser treiben die Kadaver von Vieh.

Doch den Taliban kommen die Jahrhundertüberschwemmungen, die in Pakistan bisher über 1600 Todesopfer forderten, gelegen. Im Land herrschen Chaos und Zerstörung, die desolate Wirtschaftslage wird verschärft und das Armenheer wächst - allesamt Faktoren, die den aufständischen Islamisten in die Hände spielen.

In einigen Gebieten trafen mit den Radikalen sympathisierende Helfer vor den Rettungskräften der Regierung ein. Sie wurden als Helden gefeiert. «Dieser junge Mann und seine Leute retteten meine Kinder», sagte Dorfbewohner Bakht Wali zu den Helfern, die Verbindungen zur Lashkar-E-Taiba haben sollen - der militanten Gruppe hinter den Mumbai-Anschlägen 2008 mit 173 Toten.

Präsident Asif Ali Zardari hat gestern erstmals die Hochwassergebiete besucht. Er war zuvor heftig kritisiert worden, weil er trotz der Jahrhundertüberschwemmungen seine Besuche in Frankreich und England fortgesetzt hatte. Gestern nun sprach er mit Flutopfern und besichtigte einen der Dämme im Süden des Landes, die zu brechen drohen.

Sicherheitsvakuum im Taliban-Land

Im Katastrophengebiet ist die Armee mit zivilen Rettungsarbeiten beschäftigt. Regierungstruppen hatten zuvor im bitterarmen Nordwesten, dem Kernland der Taliban, verlustreiche Offensiven und jüngst die «Befreiung» gemeldet. Nun sind ihre Lastwagen und Helikopter nicht mehr im Einsatz gegen die Widerständischen.

Im Talibangebiet herrscht ein massives Sicherheitsvakuum. «Die Armee ist komplett überfordert», sagte der Miltäranalyst Ayesha Siddiqa. Armeesprecher Athar Abbas gab sich unbeeindruckt. Zwar seien landesweit 60 000 Truppen mit 55 Helikoptern und über 600 Booten im Hilfseinsatz. Die Armee sei aber fähig, gleichzeitig die Flutkatastrophe und Widerständische zu bekämpfen.

Die Taliban ihrerseits erklärten höhnisch, die Wassermassen seien Strafe Gottes, weil sich Pakistan mit Ungläubigen zusammenschloss. Die Radikalen forderten die Bevölkerung auf, ausländische Hilfe zu boykottieren, während sie gleichzeitig eine Reihe von Attentaten verübten. Die Wassermassen zerstörten oder beschädigten über 700 000 Häuser. Bis zu 15 Millionen Menschen sind betroffen.

Ganze Dörfer müssen neu aufgebaut werden; riesige Ernten gingen verloren. Allein im Pandschab, der Brotkammer Pakistans, wurden Felder zerstört und riesige Weizenvorräte vernichtet.

Um eine weitere Radikalisierung des Gebietes zu verhindern, offerierte Washington über 76 Mio. Dollar Soforthilfe. Sechs US-Helikopter sind rund um die Uhr im Einsatz, um Hilfsgüter zu verteilen und Menschen zu evakuieren.

Es drohen zwei weitere Flutwellen

Dennoch ist im unzugänglichen Stammesgebiet von Südwasiristan kaum mehr ein US-Helikopter im Einsatz, und der Verlust von vielen Brücken erschwert Truppenmanöver. Die agileren Taliban wiederum sind es gewohnt, in kleinen Gruppen und mit dem Schutz von unwegsamem Gelände zu operieren.

Ein Ende der Katastrophe ist nicht absehbar - die Behörden rechnen nach frischem Regenfall mit zwei weiteren Flutwellen, die von dem Gebirge in die stärker bewohnten Ebenen hinunterschiessen werden.