Ein Jahr später
MH370 – das grösste Rätsel der Luftfahrtgeschichte

8. März 2014: Eine Boeing 777 verschwindet spurlos – ein Jahr und 40 Millionen Dollar später sucht man noch immer. Ein Überblick zum Stand der Dinge.

Alexandra Fitz und Christoph Bopp
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Eine P-3 Orion der Luftwaffe Neuseelands auf der Suche nach der vermissten Boeing 777.

Eine P-3 Orion der Luftwaffe Neuseelands auf der Suche nach der vermissten Boeing 777.

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Eine Boeing 777 hat eine Flügelspannweite von 61 Metern. Ein solches Ding verschwindet doch nicht einfach spurlos. Und doch suchen internationale Teams immer noch nach dem Wrack im Indischen Ozean. Aber wahrscheinlich ist bald Schluss. «Wir können nicht für ewig weitersuchen», sagte Warren Truss, Australiens Verkehrsminister und Vize-Ministerpräsident.

40 Millionen Dollar haben Australien und Malaysia für die Suche eingeplant. Doch die Summe wird bald aufgebraucht sein. Seit Anfang Oktober 2014 arbeiten sich Schiffe Stück für Stück durch das 60 000 Quadratkilometer grosse Suchgebiet, 1600 Kilometer westlich der australischen Küstenstadt Perth. 40 Prozent davon seien bereits abgesucht. Bis Mai soll das Gelände komplett durchkämmt sein.

Was geschah: Die Maschine der Malaysian Airlines mit 239 Menschen an Bord verschwindet kurz nach dem Start am 8. März 2014 auf mysteriöse Art vom Radar. Die Boeing 777 ist auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking. Start: 0.41 Uhr. Um 1.19 Uhr haben der Kontrollturm und das Cockpit das letzte Mal Kontakt. Alles normal. Zwei Minuten danach fallen kurz nacheinander Transponder und das digitale Kommunikationssystem (ACARS) aus. Die Maschine verschwindet von den Radarschirmen. Was dann geschah, ist Spekulation. Die Vermutung: Das Flugzeug flog noch Tausende Kilometer (rund sieben Stunden) weiter abseits seines eigentlichen Kurses in Richtung Süden und stürzte, als der Treibstoff ausging, in den Indischen Ozean (etwa 2000 Kilometer westlich von Perth).

Am Montag erfuhren die Angehörigen von Flug MH370, dass keine Hoffnung auf Überlebende besteht.
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Am Montag erfuhren die Angehörigen von Flug MH370, dass keine Hoffnung auf Überlebende besteht.
Am Montag erfuhren die Angehörigen von Flug MH370, dass keine Hoffnung auf Überlebende besteht.
Am Montag erfuhren die Angehörigen von Flug MH370, dass keine Hoffnung auf Überlebende besteht.
Am Montag erfuhren die Angehörigen von Flug MH370, dass keine Hoffnung auf Überlebende besteht.
Am Montag erfuhren die Angehörigen von Flug MH370, dass keine Hoffnung auf Überlebende besteht.

Am Montag erfuhren die Angehörigen von Flug MH370, dass keine Hoffnung auf Überlebende besteht.

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Für den kommenden Samstag, 7. März, ein Jahr, nachdem die Maschine über dem Indischen Ozean verschwand, hat Malaysia einen Zwischenbericht zu den Ermittlungen angekündigt. Doch viel Neues wird nicht darin stehen. Man weiss einfach nichts. Dafür gibts jede Menge Theorien. Plausiblere und weniger plausible.

Die Selbstmord-Theorie

Ewan Wilson, ein Aviatik-Experte, glaubt, dass der Captain von MH370, Zaharie Shah, Selbstmord begangen und alle in der Maschine mitgerissen hat. Shah sei psychisch krank oder mindestens angeschlagen gewesen. In dem Buch «Good Night Malaysian 370: The Truth Behind the Loss of Flight 370» kritisiert Wilson gemeinsam mit dem Investigativ-Journalisten Geoff Taylor die mangelnde Überprüfung des geistigen Zustandes der Piloten und fordert mehr Tests. Der Pilot hat laut Wilson absichtlich den Druck in der Kabine plötzlich abfallen lassen, sodass Crew und Passagiere das Bewusstsein verloren, bevor Shah das Flugzeug wild hin und her fliegen liess – um den Radarüberwachungen auszuweichen – und die Maschine schliesslich ins Meer stürzen liess. In Shahs persönlichen Beziehungen gab es offenbar schon länger Spannungen, aber Familienmitglieder berichteten auch, dass sich Shah nichts davon anmerken liess. Die Frage bleibt, warum er das so kompliziert anstellte und so viele Menschen mit umbrachte.

Das Haus des Piloten Fariq Abdul Hamid wurde durchsucht.
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Der Pilot von MH370 Farid Abdul Hamid hatte einen privaten Flugsimulator zu Hause. Für was?
Ein chinesischer Mann zeigt Journalisten sein Handy. Er behauptet, er rufe einen der Passagiere von Flug MH370 an - es klingelt, aber niemand nimmt ab.
An einer Wand im Flughafen von Kuala Lumpur können Wünsche und Hoffnungen für Flug MH370 deponiert werden.
Der malaysische Verteidigungsminister Hishamuddin Hussin (rechts) und der Minister für auswärtige Angelegenheiten Hamzah Zainudin zeigen Bilder der Flugrouten, welche MH370 genommen haben könnte.
Das ausgedehnte Suchgebiet.
Die ursprünglichen Suchgebiete.
Kopilot Fariq Abdul Hamid nahm unerlaubt Frauen ins Cockpit.

Das Haus des Piloten Fariq Abdul Hamid wurde durchsucht.

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Die Kasachstan-Theorie

Der Wissenschaftsjournalist Jeff Wise ist der Überzeugung: MH370 wurde entführt und ist in Kasachstan gelandet. Wise glaubt nicht wie die überwältigende Mehrheit, dass das Wrack auf dem Meeresgrund liegt. Die Maschine sei auch nicht in Richtung Süden, sondern in Richtung Norden geflogen. Es gebe nicht viele Orte, an denen man ein Flugzeug wie die Boeing 777 unbemerkt landen könne. Aber in «Baikonur Cosmodrome» sei das möglich. Der Weltraumbahnhof liegt zwar in der kasachischen Steppe, wird aber von Russland betrieben. Wise glaubt, Russland, Putin persönlich, hätte die Hände im Spiel. Er bringt sogar den Abschuss des Flugs MH17 in der Ostukraine mit MH370 in Verbindung. Ein richtiges Motiv kann auch er nicht angeben. Er spricht von einem Machtbeweis Putins gegenüber dem Westen.

Die Nordkoreaner-«Theorie»

Die verrückteste Theorie (wenn auch explizit als «Fiction» deklariert) breitet der Autor Dan Keizer aus. Ok, Aliens und fliegende Holländer wären noch verrückter. Immerhin baut Keizer auf dem realen Kim Jong Un und seinem nordkoreanischen Geisterreich auf. Kim hat Probleme mit dem Steuerungssystem seiner Raketen, braucht ausländische Expertisen. Woher nehmen? Er lässt sich von Filmen inspirieren. MH370 hat 20 Experten von Freescale Semiconductor an Bord. Ein Überläufer erzählt, wie Kim das organisiert hat. Ein nordkoreanischer Kampfjet zwingt die Boeing 777, auf einem ausrangierten sowjetischen Flugzeugträger zu landen. Die Experten werden behändigt, das Flugzeug auf Mission nasses Grab geschickt. Flugzeugträger versenkt, Versicherungen betrogen, keine Spuren. Der Überläufer überlebt, weil er «für das Regime als Seeoffizier zu wertvoll war». Immerhin wird er zu Zwangsarbeit verdonnert. Aber offenbar nicht so gut bewacht.

«Bluefin 21» ist auf dem australischen Suchschiff «Ocean Shield» stationiert.
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«Bluefin 21» taucht selbstständig.
Das Mini-Uboot «Bluefin 21» soll nach Flug MH370 tauchen.

«Bluefin 21» ist auf dem australischen Suchschiff «Ocean Shield» stationiert.

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Die Versteckspiel-Theorie

Für Malcolm Brenner, einen der erfahrensten Unfallvermittler weltweit, lange bei der US-Transportsicherheitsbehörde NTSB (National Transportation Safety Board) tätig, sind die Umstände zu mysteriös. Das kann kein Unfall sein. Ein Profi müsse die Maschine gelenkt haben. Dies sagt er im Dokumentarfilm des Fernsehsenders National Geographic, der zum Jahrestag am Sonntag, den 8. März, ausgestrahlt wird. Wer auch immer verantwortlich ist, hatte laut Brenner die Absicht, das Flugzeug und die Passagiere einfach spurlos vom Planeten verschwinden zu lassen. Klingt nach einem Verrückten, der die gesamte Welt an der Nase herumführen will. Eine Aufgabe für die Nachwelt? Klingt nicht ganz glaubwürdig. Ein Mastermind, der unbekannt bleiben will? Zwei Gründe für Brenners Annahme: Die beiden Kommunikationssysteme seien fast gleichzeitig ausgefallen, was auf menschliches Eingreifen schliessen lässt. Zweitens: die abrupten Kursänderungen. Für den Flugexperten John Nance (auch im Film) steht fest: Es war der Pilot.

«Alle» Theorien

Eine «seriöse» Aufarbeitung – mit allen Theorien und einschlägigen Beispielen aus der Luftfahrtgeschichte – liefert Nigel Cawthorne: Flight MH370. The Mystery (Verlag John Blake). Hier findet sich auch die «heisseste» Verschwörungstheorie: Flug MH370 wurde während eines US-Thai-Manövers irrtümlich abgeschossen. Die Spuren verwischt und eine Black Box irgendwo im Indischen Ozean versenkt. Ausführlich handelt das Buch auch das Schicksal der Angehörigen der Opfer ab und ihren Kampf mit den Behörden.