Laugenbrötli als Znüni? Im «Chindsgi» verboten

Luca freute sich auf den Kindergarten. Bis ihm die Kindergärtnerin sagte, sein Silser-Brötli sei verboten. Nun fragen sich die Eltern: Was hat Vater Staat im Znüni-Sack zu suchen?

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Klein-Luca und das Brot-Verbot

Klein-Luca und das Brot-Verbot

Limmattaler Zeitung

Martin Reichlin

Es gibt Pferde, deren Namen sind allgemein bekannt. Calvaro zum Beispiel, der mächtige Wallach von Springreiter Willi Melliger, oder Seabiscuit, das legendäre Rennpferd. Am bekanntesten dürfte allerdings der Amtsschimmel sein, dieses mysteriöse Vieh, das es immer wieder schafft, sich auf leisen Hufen in den Alltag einzuschleichen und uns Kopfschmerzen zu bereiten.

Erste Erfahrungen mit dem Tier machte vor einigen Tagen der vierjährige Luca*. Seit letzter Woche besucht der Knirps einen städtischen Kindergarten in Zürich und hat, erzählt sein Vater, eigentlich auch Freude am neuen Abenteuer. Wenn da nur nicht die Sache mit dem Znüni wäre. Schon in der ersten Woche, Luca hatte gerade ein leckeres Laugenbrötchen ausgepackt, kam nämlich die Kindergärtnerin zu ihm und meinte: «Das ist verboten.»

Luca verstand die Welt nicht mehr, schliesslich hat ihm doch seine Mutter den Znüni eingepackt. Und auch der Vater des Kleinen war perplex, als er vom Silserli-Verbot hörte, und fragt sich: «Wann hat sich der Staat in unsere Privatangelegenheiten eingeschlichen?»

Zu enge Umarmung

Eine Frage, die offenbar einer wachsenden Zahl Menschen Unbehagen bereitet. Und die für Empörung sorgt, wenn die gut gemeinte, fürsorgliche, für Ruhe und Ordnung sorgende Umarmung der Obrigkeit zu eng wird.

So etwa, wenn bekannt wird, dass das Zürcher Limmatschwimmen seit 2006 nur noch bei mindestens 21 Grad Wassertemperatur und bei höchstens 120 Kubikmeter Durchflussmenge pro Sekunde durchgeführt werden darf. Vorgaben, die 2006, 2008 sowie 2010 nicht erfüllt wurden und zur Absage der Veranstaltung führten. Nun denkt der Schwimmverein Züri Leu darüber nach, den Traditionsanlass sterben zu lassen und enttäuschte Schwimmer fragen, weshalb ihnen die Polizei nicht zutraue, selbst zu entscheiden, ob das Wasser warm genug sei. Fürs Chlausenschwimmen existiert die 21-Grad-Regel schliesslich auch nicht.

Oder wenn ein schwimmendes Restaurant schliessen müsste, weil die Zürcher Bootshäuschen einheitlich designt werden sollen. 8036 Personen unterschrieben eine Petition zum Erhalt des «Pier 7», Zürich Tourismus plädierte für die Weiterexistenz der Limmat-Beiz, ebenso der Gemeinderat. Seit März brütet der Stadtrat über dem Fall.

Oder wenn Zürcher Festen wie der Street Parade, dem Langstrassenfest und dem Dörflifest das Aus droht, weil die Abgaben für Abfallbeseitigung, Sicherheit und Boulevard-Bestuhlung ständig steigen. «Die Gebühren haben eine Obergrenze erreicht», sagte Thomas Heuberger, OK-Chef des Dörflifestes kürzlich zu dieser Zeitung.

Ein kleines Happy End

Die Politiker zumindest freuts, wenn der Amtsschimmel kräftig wiehert. Nicht weil sie boshaft wären, sondern weil sie aus dem wachsenden Missmut der Bürger Kapital schlagen können. Insbesondere die FDP gibt sich als Kämpferin gegen die Bevormundung durch den Staat und hat gleich mehrere Initiativen im Köcher.

«Bürokratie-Stopp» heisst das Volksbegehren, für das ab dem 11.September auf nationaler Ebene Unterschriften gesammelt werden sollen. «Es ist heute unmöglich geworden, in der Flut von Gesetzen, Verordnungen und behördlichen Erlassen den Überblick zu behalten», sagt Mit-Initiant Andreas Kleeb, Kantonalpräsident der FDP Zug, zum Thema. «Nehmen wir nur mal das Baurecht: Nebst 26 kantonalen Gesetzen gibt es 140000 gemeindliche Gesetze und Verordnungen!» Nun solle die Regelungsdichte zumindest für kleine und mittlere Unternehmen sinken.

Für einen zumindest gibt es noch vor einer allfälligen Volksabstimmung ein kleines Happy End: Luca. Silser-Brötli sind nämlich in Zürcher Kindergärten nicht verboten, wie Regula Behringer, Kommunikationsbeauftragte der Gesundheitsdienste, erklärt. Man rate aber den Eltern, den Kleinen nur ab und zu Nahrungsmittel wie Weissbrot oder Bananen mitzugeben. «Bei unseren Znüni-Tipps handelt es sich um Empfehlungen, nicht um verbindliche Vorgaben. Bindende Ernährungsrichtlinien geben wir hingegen zuhanden der Schulen und Kinderhorte ab», so Behringer. «Ich bin sicher, dass es das Personal in unseren Kindergärten grundsätzlich gut meint, wenn es auf das Essen der Kinder achtet. In Einzelfällen vielleicht etwas zu gut.»

*Name geändert

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