Mädchengewalt
«Ich schlage auch mit gebrochener Nase weiter»

Am Dienstag wurde bekannt, dass drei minderjährige Mädchen in Frankreich einen psychisch labilen Mann schwerst gepeinigt hatten. Der Grund: Sie wollten mit seiner Kreditkarte shoppen gehen. Dass Mädchen sich zunehmend mit Fäusten wehren, ist bekannt. zEin Erklärungsversuch.

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Prügelnde Mädchen

Prügelnde Mädchen

Pressedienst

Rahel Heeg ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hpchschule für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Sie stammt aus Aarau, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Im Rahmen Ihrer Dissertation hat sie sich mit Mädchen auseinandergesetzt, die Gewalt ausüben. Die Aargauer Zeitung hat sie getroffen.

Karen Schärer
Wehren sich Mädchen mit den Fäusten für ihre Ehre?
Rahel Heeg*: Zum Teil. Mein Eindruck ist aber eher, dass es sich um ritualisierte Abläufe handelt. Es geht überhaupt nicht um den Inhalt einer Beleidigung. «Schlampe» ist der Auftakt zu einem Spiel.
Das Mädchen, das die Beleidigung ausspricht, weiss, was es auslöst?
Heeg: Klar. Das sind allgemein bekannte Spielregeln, bei denen man auch gut die Rollen wechseln kann - das eine mal bin ich die Angegriffene, das andere mal die Beleidigende, weil ich Lust habe, ein bisschen Pfeffer in die Situation zu bringen.

Wegen Geld misshandelt Vincent Ricciardella heisst der Mann. Er ist 55 Jahre alt, lebt bei Grenoble (F) und gilt als psychisch labil. Am Dienstag wurde bekannt, dass er Opfer einer brutalen Mädchen-Attacke wurde. Am 8. Feburar verschaffte sich eines der Mädchen Zutritt zu seiner Wohnung. Das war leicht, denn Vincent Ricciardelli war der Anchbar ihrer Familie. Sie legt ihn aufs Bett, zieht ihn aus, verspricht Sex, macht Fotos davon. Dann drücken sie brennende Zigaretten auf seiner Haut aus, stechen mit Gabel und Messer auf ihn ein. Der Grund. Sie sind überzeugt, dass Ricciardella eine Erbschaft geamcht hat und wollen sein Geld. Er sollte ihnen den Code seiner Keditkarte herausrücken. Asu Angst, weiter misshandelt zu werden, hat er es getan. Wenig später wurden die Mädchenverhaftet. Eines davon ist bereits einschlägig vorbestraft. keiens zeigt auch nur einen Anflug von Reue. (cls)

Wegen Geld misshandelt Vincent Ricciardella heisst der Mann. Er ist 55 Jahre alt, lebt bei Grenoble (F) und gilt als psychisch labil. Am Dienstag wurde bekannt, dass er Opfer einer brutalen Mädchen-Attacke wurde. Am 8. Feburar verschaffte sich eines der Mädchen Zutritt zu seiner Wohnung. Das war leicht, denn Vincent Ricciardelli war der Anchbar ihrer Familie. Sie legt ihn aufs Bett, zieht ihn aus, verspricht Sex, macht Fotos davon. Dann drücken sie brennende Zigaretten auf seiner Haut aus, stechen mit Gabel und Messer auf ihn ein. Der Grund. Sie sind überzeugt, dass Ricciardella eine Erbschaft geamcht hat und wollen sein Geld. Er sollte ihnen den Code seiner Keditkarte herausrücken. Asu Angst, weiter misshandelt zu werden, hat er es getan. Wenig später wurden die Mädchenverhaftet. Eines davon ist bereits einschlägig vorbestraft. keiens zeigt auch nur einen Anflug von Reue. (cls)

Keystone

Zwei Fallbeispiele: Lakisha (16, Türkin) und Melanie (17, Schweizerin)

Bei der ersten Schlägerei holte sich Lakisha die Handtasche zurück, die ihr ein anderes Mädchen gestohlen hatte. In ihrer eigenen Beschreibung ist Lakisha «ausgerastet». Das andere Mädchen musste in der Folge mehrere Tage im Spital verbringen.
Der Spitalaufenthalt der Gegnerin scheint für Lakisha eine Trophäe zu sein, mit der sie sich schmückt. Dies zeigt sich, indem sie anfangs von «mehreren Wochen» spricht, die die Gegnerin im Spital verbracht habe: Lakisha übertreibt die Folgen der Schlägerei. Die Anzeige wegen Körperverletzung beeindruckte Lakisha wenig - viel wichtiger ist ihr, dass das andere Mädchen sich bei ihr für den Diebstahl der Handtasche entschuldigte.

Seit dieser ersten Schlägerei prügelt sich Lakisha häufig. Von Soziologin Rahel Heeg danach gefragt, was es denn braucht, damit sie zu schlagen beginnt, sagt sie wörtlich: «Mit Herumerzählen, wir seien Schlampen und so weiter und so fort (...), einfach so wegen kleiner Sachen haben wir auch immer begonnen, uns zu prügeln.» Wenn sie jemanden konfrontiert und diese Person sich nicht sofort für Aussagen entschuldigt, übt Lakisha Gewalt aus. In ihren Augen ist das völlig legitim: «Wenn die Person gegenüber nichts versteht vom Reden, wenn sie damit anfängt zu prügeln und weiss nicht was, dann kann ich ja mitmachen.» Gewalt macht Lakisha Spass - nicht nur bringt sie die Konkurrentin zum Schweigen, sondern sie kann ihre Wut ablassen und fühlt sich nach der Schlägerei ruhig.

Auch zu Hause ist das Thema Kontrolle dominant: In ihrer Familie herrscht die Überzeugung, dass die Autonomiebestrebungen der 16-Jährigen die emotionale Nähe zu den Eltern und den weiteren Familienmitgliedern gefährden. Die Eltern versuchen deshalb, der Tochter Grenzen zu setzen.

Durch ihre zahlreichen Schlägereien hat sich Lakisha ausserhalb des Elternhauses einen Ruf der Stärke, Unbesiegbarkeit und Erbarmungslosigkeit aufgebaut. Gewalt ist damit für sie eine wichtige Quelle positiver Selbstwahrnehmung.

Melanie: Unkontrollierbare Wut

Melanie ist 17 Jahre alt und wohnt in einem Wohnheim. Die Schweizerin hat seit ihrer Kindheit Gewalt erlebt. Sei es zwischen den Eltern, oder wenn sie selbst von der Mutter, einer Kellnerin, geschlagen wurde. Ihr Vater ist seit der Scheidung praktisch inexistent in Melanies Leben.

Die Mutter pendelte zwischen Vernachlässigung, physischer Gewalt und grossem Ehrgeiz Melanie betreffend- so wurde Melanie häufig zu Hause eingesperrt, damit sie lerne. Bereits bei ihrer Einschulung zeigte Melanie massive Verhaltensauffälligkeiten. In der Folge wurde sie mehrmals herabgestuft, bis in die Sonderschule. Melanie fühlt sich aber verkannt und sagt, sie sei in der Schule unterfordert. Indem sie den Unterricht stört und frech ist zu Lehrpersonen, sucht sie die Konfrontation. Wenn eine Reaktion ausbleibt, fühlt sie sich nicht ernst genommen.

Seit ihrer Kindheit hat Melanie Essstörungen. Mit neun Jahren begann sie zu rauchen. Bald konsumierte sie nicht nur Marihuana, sondern alle möglichen synthetischen Substanzen. Ihrer Wut lässt Melanie freien Lauf: «Wenn ich irgendjemanden gesehen habe auf der Strasse, der mir nicht gepasst hat, bin ich einfach dorthin gegangen und habe sie geschlagen», sagt sie im Interview mit Rahel Heeg. Melanie sucht regelrecht nach Möglichkeiten, eine Schlägerei anzufangen. Durch die Gewalt kann sie inneren Druck ablassen - Gewalt ist für sie eine Form von Bewältigung. Melanie ist ein Pulverfass, das jederzeit hochgehen kann. Wenn sie schlägt, dann mit aller Konsequenz: «Ich schlage zwar nicht mit Kraft, aber ich schlage halt so, dass ich dann meistens auch gewinne», schildert sie. Denn: «Ich werde halt so wütend, dass es mir scheissegal ist, was (mir selbst) passiert, ob ich jetzt irgendwie eine gebrochene Nase oder irgendetwas habe, ich schlage trotzdem weiter.»

Wie Soziologin Heeg analysiert, korrespondiert Melanies negatives Selbstkonzept mit einem Gefühl fehlender Kontrolle über ihr Leben. Umso stärker versucht sie, die Kontrolle im Kleinen zu behalten. (kas)