Auengebiet Alte Aare
Endet die unendliche Geschichte?

Rund 1000 Hektaren gross ist das Auengebiet Alte Aare. Um die rechtliche Anpassung des Schutzbeschlusses wurde seit mehr als zehn Jahren gestritten.

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Auengebiet Alte Aare

Auengebiet Alte Aare

Berner Rundschau

Bruno Utz

Eine ganze Seite füllt die Publikation das Naturschutzgebietes «Auengebiet Alte Aare» im jüngsten kantonalen Amtsblatt. So umfangreich wie die Anzeige ist, so lang ist die Vorgeschichte: «Am Projekt arbeiten wir seit mehr als zehn Jahren», sagt der kantonale Naturschutzinspektor Urs Känzig.

Das Auengebiet stehe schon seit Jahrzehnten unter Schutz. Doch die Schutzbestimmungen entsprächen nicht denen, die das Bundesinventar für Auenlandschaften von nationaler Bedeutung vorschreibt, sagt Känzig.

Die lange Verfahrensdauer erklärt er mit den zahlreichen Einsprachen. Kanuten, Parteien, Verbände und Gemeinden, ja selbst der zuständige Oberingenieurkreis hätten anfänglich Vorbehalte angemeldet. «Erst als Idee in den Köpfen vorhandene Strassenprojekte sollten im Rahmen des Schutzverfahrens quasi bewilligt werden», weiss Känzig.

Mit fast allen Einsprechern sei man schliesslich einig geworden. Einzig die SVP Aarberg - sie wollte die Vision Umfahrungsstrasse ums Städtchen «bewilligt» haben - und die Gemeinde Kappelen-Werdt hielten ihre Einsprachen aufrecht. «Diese hat nun die Volkswirtschaftsdirektion abgelehnt.»

Für die Menschen ändert wenig

Die Schutzauswirkungen auf die Menschen seien bescheiden. So dürfe die Alte Aare wie bisher mit Ruderbooten und Kanus befahren werden. «Allerdings gelten neu zeitliche Einschränkungen», sagt Känzig. Während der Brutzeit der Vögel vom 1. März bis 30. Juni sei das Befahren verboten.

In der Anzeige sind immerhin zwei Dutzend Tätigkeiten aufgelistet, die ganz untersagt sind, so etwa das Sammeln von Beeren, Moosen, Pilzen und Flechten. Nicht in diese Kategorie gehört «das Schlittschuhlaufen auf eigenes Risiko». Dieses in kalten Wintern insbesondere im Häftli bei Büren an der Aare beliebte Freizeitvergnügen darf wie bisher ohne Ausnahmebewilligung des Naturschutzinspektorats ausgeübt werden.

«Mit der Erwähnung im Schutztext wollen wir lediglich allfällige Forderungen aus Unfällen gegen den Kanton vorbeugen», so der Bieler Känzig, der nach eigenen Angaben selber im Häftli der Wintersportart frönt.

Verwaltungsgericht anrufen

Nach der Publikation können Leute, die mit dem Schutzbeschluss nicht einverstanden sind, innert 30 Tagen das Verwaltungsgericht anrufen. Sicher nicht dazu gehört der Gemeinderat Kappelen-Werdt. Ob die SVP Aarberg an die nächste Instanz gelangt, konnte Parteipräisdent Udo Jonen gestern nicht sagen: «Das Geschäft habe ich von meiner Vorgängerin geerbt. Ich priorisiere derzeit andere Aufgaben», meint Jonen und verweist auf die kantonalen Wahlen 2010.

Das Schutzgebiet

Gemäss Inventarbeschrieb wird die Flusslandschaft der Alten Aare fast vollständig durch Auen von nationaler Bedeutung geprägt. Entstanden ist das Altwassersystem nach der ersten Juragewässerkorrektion 1868 bis 1878, als die Aare durch den Hagneckkanal in den Bielersee umgeleitet wurde. Es zieht sich als ein bis zu ein Kilometer breites Band durch das Seeland von Aarberg bis Büren an der Aare. Es handelt sich um das längste zusammenhängende Auengebiet der Schweiz und enthält zudem bedeutende Flachmoore.

Neben dem Wald und den Fliessgewässern dominieren Stehende Gewässer, teilweise mit Seerosengruppen, Pfeifengraswiesen und Stillwasser-Röhrrichte. Das Sommerglöcken kommt in der Schweiz nur hier natürlich vor. Im Auengebiet können nebst dem Laubfrosch zehn weitere Amphibienarten, mehr als ein Viertel der im Mittelland bekannten Laufkäfer und bis zu 30 Libellenarten beobachtet werden. (uz)

Sorge um das Trinkwasser

Zum Schutzprojekt der Auenwälder gehört auch die Wasser-Dotieranlage der BKW Energie AG in Aarberg. Seit deren Inbetriebnahme vor vier Jahren kann die der Alten Aare zugeführte Wassermenge variiert werden. Statt der konstanten Wassermenge von 3,9 Kubikmeter pro Sekunde ist es seither möglich, bis zu doppelt so viel Wasser zuzuführen. «Das ist unser Kernproblem», erklärt der Gemeindepräsident von Kappelen-Werdt, Ulrich Hofmann (parteilos). Die Gemeinde habe deswegen Einsprache gegen das Schutzprojekt erhoben.

Dass die Auenwälder ab und zu geflutet würden, störe die Gemeinde nicht. «Unser Problem liegt am Grund der Alten Aare. Der jahrzehntelange konstante Wasserfluss habe den Schlick am Flussboden geschlossen. Werde der Wasserstand der durch das Grundwasser fliessenden Alten Aare regelmässig variiert, entstünden neue Strömungen. «Wir fürchten deshalb Infiltrationen in unser Trinkwasser», erklärt Hofmann. Die Gemeinde habe die Einsprache bewusst nicht zurückgezogen. «Falls etwas passiert, hätte der Kanton uns vorgehalten, wir seien ja einverstanden gewesen.» Ans Verwaltungsgericht gelange die Gemeinde jedoch nicht, sagt Hofmann. (uz)

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