Marco Zwahlen

«Ich bin froh, wenn bis am 1. November nichts mehr passiert», spricht Konrad Stuber, technischer Leiter der Seilbahn Weissenstein, Klartext. Grund dafür ist nicht nur der Störfall vom Sonntag - ein Ermüdungsbruch einer Schraube, die zwei Stützrollen der Seilführung steuert. Seit längerer Zeit schwinde bei den Seilbahn-Mitarbeitern das Vertrauen in «ihre» bald 60-jährige Bahn.

Vor einem Jahr wurde bei einer Seilklemme eines Sesseli eine gebrochene Feder festgestellt. Dieselben Klemmen sind laut Stuber ohnehin ein Problem: «Die Sesseli fahren in die Station, und die Klemme entkoppelt, bei der Weiterfahrt via Stationsförderer schnappen ab und zu die Klemmen fälschlicherweise zu früh wieder zu, was zur Folge hat, dass der Startapparat den Sessel nicht freigibt. Von diesem Moment an fahren die nachfolgenden Fahrzeuge in der Station unkontrolliert auf.»

Stuber betont, dass für die Fahrgäste unmittelbar keine Gefahr besteht. Wohl bei der Sache ist ihm aber deshalb nicht, weil man schlicht «nicht weiss, was als nächstes kommt.» Und passiere was, sei er verantwortlich. Nach Seilbahn-Unglücken «sind fast immer die Sicherheitsverantwortlichen der fahrlässigen Tötung angeklagt.»

Keine Bewilligung für Replikat

Das Bundesamt für Verkehr (BAV) hat der Seilbahn Weissenstein AG im Hinblick auf die Ende 2009 auslaufende Betriebsbewilligung schon mehrmals einen Neubau empfohlen. Erstmals 2004. Grund: Schon 1994 habe die Totalsanierung trotz Kosten in Millionenhöhe die Grenzen der Anlagen deutlich aufgezeigt. Vor einem Jahr verfügte das BAV unter anderen auch für die Sesselbahn sofortige Sicherheitsmassnahmen.

Damit reagierte die Betreibsbewilligungs- und Konzessionsbehörde auf Seilentgeleisungen bei Bahnen im vorangegangenen Winter. Letzten März schliesst auch ein neutrales Gutachten zur Frage der Sanierbarkeit Ermüdungsbrüche bei der fast 60-jährigen Bahn nicht aus. Unter anderem wurde im Gestänge der über 100 Sesseli vermehrt Korrosion entdeckt, welche die Rohre der Sesseli bruchanfälliger macht.

Mittlerweile liegt das Abbruchgesuch für die Sesselbahn respektive das Baugesuch für eine 6er-Gondelbahn beim BAV vor. Die Nutzungspläne wiederum stehen beim Regierungsrat zum Entscheid an. All diese Pläne werden jedoch hinfällig, wenn das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) respektive der Bundesrat die Richtplananpassung ablehnt.

In seiner Vernehmlassung ans ARE hält nun das BAV laut Mediensprecher Gregor Saladin zusammenfassend fest: «Selbst wenn jede Schraube und jeder Bolzen ausgewechselt wird, die jetzige Bahn genau nachgebaut wird, von uns erhält sie keine Betriebsbewilligung mehr.» Die BAV-Experten seien überzeugt, dass dieser Typ Bahn (Von-Roll 101) sicherheitstechnisch nicht sanierbar ist. Saladin: «Diese Bahn fährt höchstens noch auf dem Ballenberg oder im Verkehrshaus.»

«Das BAV ist befangen»

Eine andere Erklärung für die Störfälle hat Heinz Rudolf von Rohr vom Verein Pro Sesseli. Dieser setzt sich vehement für den Erhalt der historischen Bahn ein. «Statt in den Unterhalt zu investieren werden seit Jahren Rückstellungen gemacht.» So hätte vor zwei Jahren das Seil altersbedingt ersetzt werden müssen.

Angesichts der Kosten von rund 150 000 Franken und des geplanten Neubaus, sei aber darauf verzichtet worden. All dies geschehe notabene im Wissen des BAV, was aber nicht weiter erstaunlich sei, «da dieses ja den Neubau empfohlen hat». Aus demselben Grund ist Rudolf von Rohr auch unbeeindruckt von der Aussage des BAV, dieses würde der alten Bahn keine Betriebsbewilligung geben, selbst wenn sie bis auf die letzte Schraube saniert wäre: «Das BAV ist befangen.»

Tatsache sei, dass das gültige Seilbahngesetz aus dem Jahre 2007 nicht mehr die technische Prüfung, sondern die Sorgfaltspflicht der Betreiber in den Vordergrund stelle. Das BAV könne also nicht ohne weiteres eine Betriebsbewilligung verweigern. «Das bestätigt mittlerweile auch ein Bundesgerichtsurteil.»

Auffallend ist laut Rudolf von Rohr zudem, dass sich die Störfälle gerade jetzt häufen und publik gemacht würden. Das Sicherheistrisko könne kaum gross sein, «Sonst hätte das BAV nach dem Vorfall vom Sonntag sofort die Betriebseinstellung verfügen müssen».