Viktor Giacobbo scheint tiefenentspannt. «Meine Neigung zur Faulheit kann ich nun besser strukturieren», sagt der 65-Jährige drei Monate nach Ende von «Giacobbo/Müller». «Obwohl ich momentan fast mehr arbeite als früher.» Die «Schweiz am Wochenende» trifft ihn in seiner Heimatstadt Winterthur im Casinotheater. Er spricht über «saudumme» Erdogan-Plakate, einen Egomanen aus den USA und den Schweizer Comedy-Nachwuchs.

Herr Giacobbo, wenn Sie morgen Sonntag auf Sendung gehen könnten, worüber würden Sie sich lustig machen?

Viktor Giacobbo: Das Schöne ist, dass ich mir darüber null Gedanken machen muss. Aber wenn Sie darauf bestehen: vermutlich über die Comedy-Woche auf SRF 3, die peinliche Femen-Parodie der Juso und natürlich über Donald Trump. Der liefert schön pünktlich neues Material, nur wird es langsam langweilig.

Ein bisschen schmerzen muss es doch: Sonntag 22.15 Uhr, aber kein «Giacobbo/Müller».

Ich sitze nicht dröge auf dem Sofa und denke, jetzt würden wir gleich auf Sendung gehen. Es freut mich, wenn mich Leute darauf ansprechen oder auf Twitter schreiben, dass sie «Giacobbo/Müller» vermissen, aber auch drei Monate danach bin ich immer noch der Meinung, es war die richtige Entscheidung, der perfekte Zeitpunkt.

Aus der letzten Folge: Dr. Klöti übers Aufhören.

Aus der letzten Folge: Dr. Klöti übers Aufhören.

Wäre mit Trump, Erdogan oder dem Brexit nicht vielmehr jetzt der beste Zeitpunkt für Satire?

Unter diesem Gesichtspunkt hätten wir nie aufhören können. Satire ist das nachhaltigste Business der Welt. Es gibt immer neue Peinlichkeiten und Sauereien, neue Figuren.

Welche Ihrer Figuren hätten Donald Trump gewählt?

Harry Hasler und Debbie Mötteli, also die beiden, die nicht gerade die Hellsten sind und trotzdem über ein starkes Ego verfügen. Und vielleicht Ueli Maurer, er ist ja eine Figur von mir, auch wenn er das bestreiten mag. Zumindest besitze ich die Bildrechte an seinem Gesicht.

Sie kennen sich mit Provokationen aus: Geht das Kill-Erdogan-Plakat der Berner Demonstranten zu weit?

Nein, aber das Plakat ist einfach nur saudumm. Das ist wie bei der Satire: Man kann zwar so weit gehen, wie man will, man muss sich aber im Klaren sein, was man damit auslöst. Wenn diese Dummköpfe ein solches Plakat zeigen, aber nicht merken, dass sie damit nicht der Opposition, sondern nur Erdogan helfen, dann ist denen nicht zu helfen. Sie finden sich dabei selbst toll und sind von der eigenen Radikalität beeindruckt. Aus politisch-taktischer Überlegung war das Plakat ein Rohrkrepierer.

Sie haben Ihre Provokationen auch nie politisch-taktisch abgewogen.

Nein, aber ich bin Satire-Macher, kein Demonstrant. Unser einziger Massstab bei Giacobbo/Müller war immer, ob es die Leute lustig finden. Okay, stimmt nicht ganz. Der Massstab war, ob wir zwei es lustig finden, nur das zählt, anders kann man keine Komik machen.

Unfreiwillige Komik liefern heute oft die Politiker. Wird die Politik gerade kabarettistisch?

Nein, den alltäglichen Nonsens von tragisch bis lustig, von tödlich bis lustvoll hat es immer gegeben. Nur ist heute alles sehr viel schneller. Die sozialen Medien verbreiten alles in wenigen Stunden, auch die komödiantische Seite eines Ereignisses. Aber das ist gut so. Heute kann man nicht einfach auf Trump verweisen und meinen, man erntet Lacher. Man muss deutlich mehr bieten. Darin sind die Amerikaner gut – nicht besser als die Schweizer – aber eben näher dran.

Welchem Satiriker schauen Sie gerne zu?

Grossartig war natürlich Melissa McCarthy, als sie Sean Spicer (Sprecher des Weissen Hauses, Anm. d. Red.) imitierte. Mein Favorit ist aber Bill Maher. Er pflegt die Debatte mit Gästen, muss daher auch mal improvisieren, etwas das wir auch gerne gemacht haben. Natürlich finde ich auch andere US-Satiresendungen wie von John Oliver oder Trevor Noah toll, auch wenn sie komplett gescripted sind.

Melissa McCarthy imitiert Sean Spicer.

Melissa McCarthy imitiert Sean Spicer.

Was war die schlimmste Konsequenz, die Sie je wegen eines Witzes aushalten mussten?

Ins Gefängnis muss hier glücklicherweise niemand. Bei uns gab es immer wieder Shitstorms, und wir verantworten zwei Konzessionsverletzungen, aber noch zu Zeiten von «Viktors Spätprogramm».

Und viele Meldungen bei der Ombudsstelle.

Ja, aber darauf haben wir es nicht angelegt. Die nachfolgende Empörung ist kein Massstab. Man kann wunderbar frech sein, was aber nicht unbedingt das Gleiche ist wie lustig.

Ist Jan Böhmermann frech und lustig oder einfach nur frech?

Bei ihm wechselt es sich ab. Manchmal ist er nur frech. Dann ist es reine Pose. Dagegen ist aber kein Komiker gefeit – wir auch nicht.

Wenn heute junge Menschen ihre News oft aus Satiresendungen beziehen …

… Moment, das bezweifle ich. Irgendwann zu Zeiten von Jon Stewart wurde das behauptet, dann immer wiederholt, aber nie bewiesen. Eine Satiresendung kann man gar nicht lustig finden, wenn man nicht über die aktuelle Nachrichtenlage informiert ist.

Giacobbos Lieblingssatiriker: Bill Maher.

Giacobbos Lieblingssatiriker Bill Maher macht sich auch über Donald Trump lustig.

Die Sendungen machen ja nicht nur Witze, sie setzen mit echten Nachrichten den Kontext, um sich
darüber lustig zu machen.

Da stimme ich zum Teil zu, aber es schalten fast nur Leute ein, die sich
ohnehin für Politik interessieren. Das junge Satirepublikum informiert sich schon vorher über die Ereignisse, auf welchem Kanal auch immer.

Ein wachsendes Problem sind Fake News, die sich heute ebenfalls schnell über die sozialen Medien verbreiten. Ist das gefährlich?

Es ist vor allem deshalb gefährlich, weil der mächtigste Mann der Welt alles, was ihm nicht passt, als Fälschung deklariert. Und er tut das so oft, dass ihm seine Anhänger mit der Zeit vermutlich glauben. Wenn er nur lange genug sagt, Obama habe ihn bespitzelt, bleibt auch etwas hängen. Aber viel schlimmer ist doch, dass Trump nur piep twittern muss, und schon setzt er damit weltweit die Schlagzeilen. Seine Tweets haben mich eine Zeit lang amüsiert, aber ich followe ihm nicht mehr. Ich mag dieses Grosskotzige eines ahnungslosen Egomanen einfach nicht mehr lesen.

Viktor Giacobbos Beitrag zum 1. März:

Machen die Medien einen Fehler, wenn sie oft über Trump berichten?

Ja, dieser Klick-orientierte Journalismus nervt mich. Da geht es längst nicht mehr um die Sache. Schauen Sie sich nur die Schlagzeilen an. Da werden Titel gesetzt, die nur noch entfernt mit dem Inhalt zu tun haben, Hauptsache, es klickt jemand drauf.

Dann warten Sie mal den Titel dieses Interviews ab.

(lacht) Ja genau, wahrscheinlich: «Viktor Giacobbos neue Freundin nackt».

Haben Sie eine neue Freundin?

(lacht und schweigt)

Dann eine andere Frage: Sie teilen oft gegen Journalisten aus. Sind Sie empfindlich?

Nein, ich gebe einfach gerne zurück, nur sind sich Journalisten das nicht gewohnt. Ich bin nicht empfindlich, ich liebe einfach den Streit. Ausserdem war Medienkritik immer ein wichtiges Thema in unserer Sendung.

Heute – nach Ende der Show – schwingt oft Wehmut in der Berichterstattung mit. Keine Sendung komme an «Giacobbo/Müller» heran. Früher hagelte es Kritik. Überrascht Sie das?

Nicht wirklich, das habe ich nach «Viktors Spätprogramm» bereits erlebt. Auf einmal kommt Lob von Leuten, die einen früher das Letzte fanden. Auch auf der Strasse werden wir oft angesprochen, ich sage dann aber: Gebt den Neuen erst mal eine Chance.

Wen meinen Sie? Dominic Deville?

Sein viraler Hit «Switzerland Second» war grossartig, der beste «Second-Film» unter vielen Ländern. Von wegen Schweizer Satiriker sind schlechter! Deville und seine klasse Crew sind auf einem guten Weg. Das SRF könnte ihn ruhig ein bisschen mehr unterstützen und ab und zu einen Trailer schalten.

Switzerland Second  #everysecondcounts: Auch die Schweiz empfiehlt sich dem US-Präsidenten.

Switzerland Second #everysecondcounts: Auch die Schweiz empfiehlt sich dem US-Präsidenten.

Schawinski bekommt viele Trailer.

Wohl weil er als Comedian noch nicht so etabliert ist. Nein, man hätte Deville unseren Sendeplatz geben sollen.

Fehlte dem SRF der Mut?

Das müssen Sie diejenigen fragen, die das entschieden haben.

Die junge Schweizer Satirikerin Hazel Brugger ist lieber bei der deutschen Konkurrenz tätig. Das SRF hat es offensichtlich versäumt, ihr eine Plattform zu geben.

Ich verstehe nicht, weshalb beim Thema Satire immer auf das SRF gestarrt wird, notabene von Medien, die ich fragen muss: Wo findet denn bitte bei Tele Züri die grosse Satiresendung statt? Wo findet die respektlose, freche Satire bei Tamedia oder Ringier statt, wo man sich getraut, die eigenen Inserenten, Sponsoren und Chefs zu verarschen, so wie wir es beim SRF tun konnten?

Das SRF hat die grösseren finanziellen Mittel.

Sorry, aber «Giacobbo/Müller» war nicht wahnsinnig teuer. Und es gibt nicht nur Hazel, die by the way sehr wohl vom SRF angefragt worden ist – aber sie hatte keine Lust. Sie hat den Hype verdient, denn sie ist toll. Sie trat mit 17 Jahren hier im Casinotheater auf. Danach lud ich sie in die Sendung ein.

Und dann?

Nach den ersten beiden Auftritten hat das niemanden interessiert, obwohl sie schon damals brillant war. Aber uuuh, eine Schweizerin ist im deutschen Fernsehen! Egal in welcher Kunstform: Wenn ein Schweizer im Ausland Erfolg hat, reagieren viele mit einer kruden
Mischung aus Selbstbeweihräucherung und Selbstkasteiung.

Das scheint Sie sehr zu stören.

Ja, weil es neben den bereits Etablierten so viele Talente hier gibt. Renato Kaiser, Lara Stoll, Joël von Mutzenbecher, Patti Basler. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Am Mittwoch trat Daniel Ziegler vor vollem Haus bei uns auf. Aber kein einziger Medienvertreter war anwesend.

Schweizer Comedy-Nachwuchs:

Weshalb?

Weil ihr alle auf Hazel Brugger starrt und aufs SRF.

Und auf Trump.

Und Trump! Aber o. k., da starren alle hin, ich auch.

Was ist Ihr Rat an die junge Comedy-Generation?

Das zu tun, auf das sie Lust haben. Sich nicht dem Publikum anpassen und sich von niemandem sagen lassen, was sie dürfen und nicht dürfen.

Inwiefern würde eine Annahme der No-Billag-Initiative das SRF als Bühne für die Kleinkunst schwächen?

Das SRF macht viel für die Satire- und die Kleinkunstszene. Insofern fehlte ihr zwischenzeitlich eine Plattform seit dem Ende unserer Sendung. Deville führt dies aber nun auch immer mehr ein. Michel Gammenthaler auch. Offenbar kann das die SRG besser als die
Privaten. Das Problem ist einfach, dass diese Sendungen lange Pausen haben. Deville geht erst im Oktober wieder los.

Ein Fehler?

Deville könnte nun von seiner Bekanntheit durch das Switzerland-Second-Video profitieren. Wieso platziert man eine Marke erfolgreich, um sie dann wieder ein halbes Jahr vom Markt zu nehmen? Mike und ich konnten von Anfang an voll loslegen.

Weil Sie und Mike Müller bereits etabliert waren.

Klar, aber auch wir waren nicht unumstritten. Die gleichen Leute, die uns jetzt vermissen, sagten uns damals «Eure Show wird keinen Erfolg haben».

Da wir von Mike Müller sprechen: Vermissen Sie ihn manchmal?

Nein, ich habe ihn ja nie verloren, und er mich auch nicht.

Worüber sprechen Sie denn heute miteinander?

Über das, was wir gesehen, gehört oder gelesen haben. Worüber Freunde halt so sprechen. Und wir haben ja auch mindestens ein gemeinsames Projekt. Das wird in ziemlich genau einem Jahr Premiere feiern und «Giacobbo/Müller on Therapy Tour» heissen. Wir spielen drei Wochen im Casinotheater und gehen dann auf Tour. Dani Ziegler und Dominique Müller werden auch dabei sein.

Ein Mann, viele Charaktere: Schon in «Viktors Spätprogramm» (1995–2002) verkörperte Viktor Giacobbo Figuren aus allen Gesellschaftsschichten.

Ein Mann, viele Charaktere: Schon in «Viktors Spätprogramm» (1995–2002) verkörperte Viktor Giacobbo Figuren aus allen Gesellschaftsschichten.

Sie haben auch einen neuen, humoristischen Dokumentarfilm im Stil von «Der grosse Kanton» angekündigt. Worum geht es?

Das ist so. Aber der Dokumentarfilm, quasi eine «Mockumentary», muss nun noch etwas warten, da ich zuerst an einem Spielfilm arbeite, den ich zusammen mit Domenico Blass schreibe.

Wie wärs mit einer Vorschau?

Es ist eine Schweizer Politkomödie, die mit dem Ausland zu tun hat, aber nicht mit Kuba wie in «Ernstfall in Havanna», sondern mit Schweden. Es geht um Rüstungslieferungen, Schweizer Lobbyismus und Regierungsmitglieder im Knatsch mit den Medien.

Gripen – der Film!

Es ist an die Gripen-Thematik angelehnt, hat aber nichts direkt damit zu tun. (schmunzelt)

Wie gross ist das Budget?

Keine Ahnung, darum kümmert sich unsere Produzentin Ruth Waldburger. Ganz billig wird es sicher nicht, da wir auch in Schweden drehen müssen. Aber das filmische Exposé steht bereits.

Dabei wurden Sie im Februar 65, könnten die AHV-Rente geniessen.

Ja, aber momentan arbeite ich fast mehr als früher. Immerhin kann ich ohne Deadline am Sonntag meine Neigung zur Faulheit besser strukturieren.

Welche Vorzüge geniessen Sie sonst noch? AHV-Reduktionen beim Kinoeintritt?

Bis jetzt noch nie, aber das ist eine gute Idee, stimmt!

Beim Casinotheater gibts das nicht?

Nein, wir haben nur für Studenten und Lehrlinge Rabatte, aber nicht für die reichen Alten. Die zocken wir ab! (lacht).