«Grosse Frustration»: Weshalb das Flade-Los nur Kinder aus der Stadt St.Gallen trifft

Wer an die Flade will, braucht Losglück. Allerdings gilt das nur für Schülerinnen und Schüler aus St.Gallen. Jene aus den umliegenden Gemeinden werden nicht ausgelost. Sie haben ihren Platz auf sicher. Eltern aus der Stadt finden das ungerecht.

Christina Weder
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Die Meitleflade: Mädchen aus umliegenden Gemeinden können weiterhin ins Gallusschulhaus, ohne dass sie sich dem Losverfahren stellen müssen. (Bild: Urs Bucher)

Die Meitleflade: Mädchen aus umliegenden Gemeinden können weiterhin ins Gallusschulhaus, ohne dass sie sich dem Losverfahren stellen müssen. (Bild: Urs Bucher)

Der Losentscheid an der Flade gibt weiter zu reden. 80 von 187 Sechstklässlern hatten kein Losglück. In manch einer Familie ist die Enttäuschung gross. Das bekommt auch Flade-Schulpräsidentin Margrit Stadler zu spüren. Innerhalb einer Woche hat sie rund 20 schriftliche Stellungnahmen von Eltern erhalten und mehrere Gespräche am Telefon geführt.

Die Familien hätten vor allem ihre persönliche Situation geschildert und ihre Betroffenheit zum Ausdruck gebracht. Fürs Losverfahren hätten die meisten aber Verständnis. Margrit Stadler ist überzeugt:

«Die Wogen werden sich glätten.»

Familien aus der Stadt fühlen sich ungerecht behandelt

In der Diskussion sorgt besonders ein Aspekt für Unmut: So müssen nur die Sechstklässler aus der Stadt auf Losglück hoffen, nicht aber diejenigen aus den umliegenden Gemeinden. Kinder aus Mörschwil, Eggersriet-Grub SG oder Untereggen haben ihren Platz an der Flade auf sicher, wie die Schulpräsidentin bestätigt. Für sie ändert sich nichts.

Das stösst Familien aus der Stadt sauer auf. «Mich stört das», schreibt eine Mutter, deren Tochter sich dem Losverfahren stellen musste, in einem Mail an diese Zeitung. «Das widerspricht doch der Gleichbehandlung.» Wenn, dann müssten alle die gleichen Chancen auf einen Schulplatz haben. Gemeinden wie Mörschwil hätten nicht nur einen niedrigen Steuersatz, sondern auch noch freie Schulwahl. Das sei ungerecht. Ähnlich äussert sich eine Leserbriefschreiberin:

«Was ist mit unseren Kirchensteuern und unseren jährlichen Steuern in der Stadt? Kinder aus Mörschwil, Untereggen und Eggersriet kommen definitiv an die Flade, obwohl der Schulweg unverhältnismässig ist? Wir sind über alle Massen enttäuscht.»

Und ein Grossvater, dessen Enkelin kein Losglück hatte, berichtet von einer «grossen Frustration, die bei Katholiken und Steuerzahlern in der Stadt» auszumachen sei.

Schulpräsidentin Margrit Stadler hat zwar Verständnis für den Unmut. Doch sie verweist auf die langjährigen Verträge, welche die Flade mit Mörschwil, Eggersriet-Grub SG und Untereggen ausgehandelt hat. Diese Gemeinden führen keine eigene Oberstufe, leisten sich aber ein volles Schulwahlrecht. Sie übernehmen für ihre Oberstufenschüler nicht nur das volle Schulgeld für den Besuch einer öffentlichen Schule, sondern zahlen auch einen Beitrag an Privatschulen, wenn ein Gesuch eingereicht wird.

Erfahrungsgemäss entscheidet sich ein Grossteil der dortigen Schüler für die Flade, wie Schulratspräsidentin Stadler sagt. «Wir haben die Plätze für sie vorgesehen.» Insgesamt kommen zwischen 20 und 25 Prozent der Flade-Schüler aus den Vertragsgemeinden. Den städtischen Kindern würden sie die Plätze aber nicht streitig machen oder wegnehmen. Margrit Stadler sagt:

«Für uns gibt es keinen Grund, den Zugang zur Flade für die langjährigen Vertragspartner zu beschränken, nur weil die Stadt eine Obergrenze einführt.»
Margrit Stadler, Schulpräsidentin Flade. (Bild: Ralph Ribi)

Margrit Stadler, Schulpräsidentin Flade. (Bild: Ralph Ribi)

Gemäss einer Vereinbarung mit der Stadt darf die Flade maximal 30 Prozent der städtischen Oberstufenschüler aufnehmen. Melden sich mehr an, entscheidet das Los. Die Stadt und der Katholische Konfessionsteil haben diese Obergrenze «in gegenseitigem Einvernehmen» ausgehandelt, wie Schulpräsidentin Stadler sagt. Nachdem der Kanton 2013 seinen Beitrag an die Flade gestrichen hatte, wurde jahrelang um eine Lösung gerungen. Die Zukunft der Flade stand auf dem Spiel.

Kirchensteuern nur noch für Religionsunterricht

Die nun getroffene Vereinbarung sieht vor, dass die Stadt das kostendeckende Schulgeld übernimmt. Kirchensteuern müssen für städtische Schülerinnen und Schüler keine mehr aufgewendet werden. Sie fallen nur noch für den Religionsunterricht oder für Aktivitäten im Rahmen des Leitbilds an. Im Gegenzug öffnet sich die Flade allen städtischen Schülern, auch Nichtkatholiken und Realschülern.

Für die festgelegte Obergrenze von 30 Prozent nennt Stadler zwei Gründe: Zum einen seien die Platzverhältnisse an der Flade begrenzt. Zum anderen habe die Stadt der Flade ihre Schüler nicht unlimitiert überlassen wollen.

Die Flade darf maximal 30 Prozent der städtischen Schüler aufnehmen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Die Flade darf maximal 30 Prozent der städtischen Schüler aufnehmen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Schuldirektor Markus Buschor bestätigt, dass Überlegungen zur Nutzung des Schulraums, zur Arbeitsplatzsicherheit und zu den Klassengrössen eine Rolle gespielt hätten. Zudem habe man sich auf Zahlen aus der Vergangenheit gestützt. Die Flade habe bisher als Sekundarschule 18 bis 25 Prozent der städtischen Oberstufenschüler unterrichtet.

Er könne den Unmut darüber, dass Kinder aus umliegenden Gemeinden ohne Los einen Platz erhielten, nachvollziehen. Doch eine Gesamtlösung sei illusorisch. Als Schuldirektor könne er nicht über Kinder bestimmen, die nicht in St. Gallen wohnten. Und er könne der Flade keine Vorschriften machen, dass sie diese Kinder nicht aufnehmen dürfe.

Ihm gehe es darum, dass jedes Kind in der Oberstufe eine gute Lösung habe. Und er sei überzeugt, dass dies sowohl an der städtischen Oberstufe als auch an der Flade gewährleistet sei. «Es ist eine einmalige Ausgangslage, dass jetzt in der Stadt zwei Schulträger den Anforderungen an eine öffentliche Schule zu genügen haben.»

So setzt sich der neue Jahrgang an der Flade zusammen

(cw) Kann die geforderte soziale Durchmischung an der Flade durch den Losentscheid überhaupt gewährleistet werden? «Sie kann», findet Schulpräsidentin Margrit Stadler und präsentiert Zahlen, wie sich die Schülerinnen und Schüler ab kommendem Schuljahr zusammensetzen. «Es ist erstaunlich gut aufgegangen», sagt sie. Bei der Auslosung haben 107 von 187 Schülerinnen und Schülern aus der Stadt einen Platz auf der Sekundarstufe erhalten, darunter 46 Prozent Buben und 54 Prozent Mädchen (siehe Grafik). 40 Prozent von ihnen sind katholisch, 30 Prozent evangelisch und weitere 30 Prozent andersgläubig oder konfessionslos. Die ausgelosten Schüler werden je nach Wohnort und Geschlecht einem der drei Standorte zugeteilt. Auch diesbezüglich gehe es gut auf, sagt Stadler. Die Zahlen sind allerdings noch vorläufig, denn die auswärtigen Schüler sind noch nicht berücksichtigt. Und es gibt noch eine Warteliste. Stadler rechnet damit, dass 10 bis 15 Kinder noch nachrücken werden. Interessant ist der Anteil der Katholiken auf der Warteliste: Er beträgt 60 Prozent.

Auf der Realstufe war keine Auslosung nötig. Hier haben sich 55 Sechstklässler angemeldet, etwas mehr Buben als Mädchen. Alle können aufgenommen werden. 60 Prozent von ihnen sind katholisch, 15 Prozent evangelisch und 35 Prozent andersgläubig oder konfessionslos. Gemäss Stadler werden ab Sommer an jedem der drei Standorte Realklassen geführt. Sobald man eine Realstufe einführe, ändere sich die soziale Durchmischung, ist sie überzeugt. Bisher wurden an der Flade nur Sekundarschüler unterrichtet. Zudem war der kostenlose Besuch der Schule den Katholiken vorbehalten. Ihr Anteil an der Gesamtschülerschaft betrug bis jetzt rund 65 Prozent. Neu soll das Verhältnis zwischen Sekundar- und Realschülern jenem der städtischen Oberstufe entsprechen, genauso die soziale Durchmischung und die Klassengrösse. Schuldirektor Markus Buschor sagt: Wenn man von der Flade spreche, hätten alle noch die alte Schule im Kopf. «Doch ab diesem Sommer wird die Flade eine andere Schule sein.»

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