Suizid am Steuerrad

Lebensmüde, die einen Unfall provozieren, um zu sterben: Das gibt es nicht nur in Deutschland. Zwei Ostschweizer Polizeivertreter und ein Arzt berichten.

Daniel Walt
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Suizid am Lenkrad kommt nicht nur in Deutschland vor. (Bild: ky/Olivier Maire)

Suizid am Lenkrad kommt nicht nur in Deutschland vor. (Bild: ky/Olivier Maire)

«Das ist ganz schlimm», sagt Hanspeter Krüsi, Medienchef der St. Galler Kantonspolizei, zu einem Verkehrsunfall, der sich am vergangenen Sonntagmorgen im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen ereignet hat. Ein 24-Jähriger war als Geisterfahrer auf der Autobahn unterwegs. In hohem Tempo fuhr er frontal gegen einen Wagen mit vier Insassen – alle Beteiligten verloren ihr Leben. Die deutsche Polizei ist sich aufgrund von nicht weiter präzisierten Informationen sicher, dass der Mann den Zusammenstoss verursachte, um sich das Leben zu nehmen.

Gegen Baum oder Pfeiler

Laut Hanspeter Krüsi ist auch die St. Galler Kantonspolizei ab und an mit mutwillig verursachten Verkehrsunfällen lebensmüder Menschen konfrontiert. «Die entsprechenden Lenkerinnen und Lenker fahren beispielsweise absichtlich gegen einen Baum oder einen Brückenpfeiler», hält er fest. Die Polizei geht laut Krüsi zudem davon aus, dass auf der früheren «Todesstrecke» im St. Galler Rheintal eine gewisse Anzahl der Unfälle in Suizidabsicht verursacht worden ist.

Etwas unverbindlicher tönt es bei der Kantonspolizei Thurgau: «Es lässt sich nicht mit Sicherheit ausschliessen, dass sich unter den schweren Verkehrsunfällen mit Todesfolge, deren Ursache nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte, solche mit Suizidabsicht befanden», hält Mediensprecher Andy Theler fest.

Beweisführung schwierig

Wie viele der jährlich rund 20 000 Unfälle mit Personenschaden auf Schweizer Strassen werden von jemandem in der Absicht provoziert, aus dem Leben zu scheiden? Offizielle Zahlen dazu gibt es erwartungsgemäss nicht – wohl vor allem deshalb, weil die Beweisführung in den meisten Fällen schwierig bis unmöglich ist. Polizeisprecher Hanspeter Krüsi will sich nicht einmal auf eine Schätzung einlassen, wie viele Fälle es auf St. Galler Strassen gibt. Er spricht davon, dass es «hie und da» zu Unfällen komme, bei denen weder ein medizinisches Problem noch ein Fahrfehler und auch nicht die Strassenverhältnisse dafür verantwortlich gemacht werden könnten, dass jemand geradewegs in einen Baum oder einen Brückenpfeiler gefahren sei.

Berichte von Überlebenden

Auch Thomas Maier, Chefarzt für Akutpsychiatrie, Sucht- und Psychotherapie an der Psychiatrischen Klinik in Wil, ist vom Unfall in Deutschland betroffen. Er kennt das Phänomen des versuchten oder vollendeten Suizids im Strassenverkehr aus Schilderungen von Menschen, die ihre Tat überlebt haben. Ihm sind auch Personen bekannt, welche eine entsprechende Phantasie in Therapiesitzungen geäussert haben. «Von daher gehe ich davon aus, dass es solche Unfälle ab und an gibt – wobei sie natürlich in keiner Relation zur Anzahl Unfälle stehen, die wegen Alkohols oder Unaufmerksamkeit verursacht werden», sagt Maier.

Das Leid der Unbeteiligten

Laut Chefarzt Thomas Maier geschieht der grössere Teil von Suizidversuchen impulsiv und ist nicht von langer Hand vorbereitet. Vor diesem Hintergrund erscheine der provozierte Verkehrsunfall als eine «geeignete Methode»: Beim schnellen Fahren reiche eine Drehung am Lenkrad aus, sagt Maier. Er schliesst allerdings auch eine bewusste Abwägung der entsprechenden Person nicht aus: «Ein Verkehrsunfall ist eine relativ diskrete Form des Suizids. Der wahre Hintergrund kann oft nicht nachgewiesen werden, so dass die Angehörigen dann um das Opfer eines Unfalls trauern und nicht um jemanden, der freiwillig aus dem Leben geschieden ist.»

Tragisch findet der Wiler Chefarzt, dass bei solchen Unfällen auch unbeteiligte Menschen grossen körperlichen wie seelischen Schaden erleiden können oder sogar ihr Leben verlieren.