Frühling
«Keine andere Blume gibt mehr zu tun als die Tulpe»: Bei der Tübacher Blumengärtnerin Heidi Kröni ist Hochsaison

Tulpen sind ihre Leidenschaft: Die Tübacher Blumenhändlerin Heidi Kröni baut in ihrer Gärtnerei 160 verschiedene Tulpensorten an – in allen erdenklichen Farben und Formen. Ein Rundgang im Tulpenmeer.

Melissa Müller
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Heidi Kröni baut seit drei Jahrzehnten Tulpen an – und hat das Sortiment stetig erweitert.

Heidi Kröni baut seit drei Jahrzehnten Tulpen an – und hat das Sortiment stetig erweitert.

Bild: Belinda Schmid

Heidi Krönis Hände sind rau und rissig von Erde und Pflanzensaft. Seit drei Wochen schneidet die Gärtnerin den ganzen Tag Tulpen in ihrem Freilandbetrieb in Tübach. In acht Tunnels, die zum Teil mit transparenter Folie bedeckt sind, wachsen 180’000 Tulpen heran. Katze Lili folgt der Gärtnerin Schritt auf Tritt. Sie wälzt sich in der Erde, während die Chefin und ihre Helferinnen und Helfer aus Polen, Nigeria und der Schweiz die bunten Liliengewächse samt der Zwiebel aus der Erde zupfen.

Kritisch begutachtet Kröni die Blumenköpfe. Es war zu sonnig und trocken im März. Die Nächte frostig, die Tage sehr hell. «Darum sind einige Tulpen zu kurz geraten. Ich hätte ihnen mehr Schatten geben sollen.» Sie bindet aus ihnen kleinere, günstigere Sträusse.

Kröni sagt:

«Keine andere Blume gibt mehr zu tun als die Tulpe, keine nimmt man so oft in die Hand.»

Andere Blumen schneidet man direkt auf dem Feld. Die Tulpe hingegen erntet man mit der Wurzel und stellt sie in einen Kühlraum. «Bei Temperaturen von ein bis zwei Grad werden die Blumen knackiger», sagt Heidi Kröni. Später werden sie zugeschnitten, die Zwiebeln entsorgt. Zwar würden sie ein Jahr später erneut blühen, wenn man sie in der Erde lassen würde. Doch das kommt für Kröni nicht in Frage: «Sonst bekommen wir nicht die 1-A-Qualität, die wir brauchen.» Die Tulpen werden mit geschlossenen Köpfen verkauft - erst daheim in der Vase sollen sie ihre Pracht entfalten.

Die Tulpen werden nach der Kühlung geschnitten, die Wurzeln entsorgt. Daraus könnte zwar wieder eine Blume wachsen – aber die Qualität würde den hohen Ansprüchen der Gärtnerei Kröni nicht mehr genügen.

Die Tulpen werden nach der Kühlung geschnitten, die Wurzeln entsorgt. Daraus könnte zwar wieder eine Blume wachsen – aber die Qualität würde den hohen Ansprüchen der Gärtnerei Kröni nicht mehr genügen.

Bild: Belinda Schmid

Die meisten Blumen setzt die 50-Jährige an der Blumenbörse in Mörschwil ab, wo Floristinnen einkaufen, sowie samstags am St.Galler Blumenmarkt. Auch an einem St.Galler Marktstand und in ihrem Selbstbedienungsladen in Tübach werden die Sträusse feilgeboten.

Sehnsucht nach dem Frühling

Kröni und ihr Team stellen die frisch geernteten Tulpen aufrecht in Kisten. Diese sind schwer, was die Fachfrau zufrieden zur Kenntnis nimmt: «Das Gewicht ist ein Qualitätsmerkmal bei Tulpen.»

Tulpenernte: Die schweren Blumen werden aufrecht in Kisten gestellt.

Tulpenernte: Die schweren Blumen werden aufrecht in Kisten gestellt.

Bild: Belinda Schmid

Im März strecken die ersten Tulpen in der Gärtnerei Kröni die Köpfe aus der Erde. «Das spült uns nach der Winterdurststrecke wieder etwas Geld in die Kasse.» Ende November pflückt Heidi Kröni in ihrem 3,5 Hektaren grossen Freilandbetrieb jeweils die letzten Chrysanthemen, worauf drei karge Wintermonate ohne Blumen folgen.

Mit dem Frühling erwacht die Sehnsucht nach Blumen und Farben. Tulpen sind die Frühlingsboten schlechthin – und nach der Rose die zweitmeistverkaufte Schnittblume der Welt. Schon die osmanischen Sultane liebten die Tulpen in ihren Palastgärten in Istanbul. Die Blume entwickelte sich zum Symbol von Reichtum und Macht. Ende des 16. Jahrhunderts gelangte die exotische Blume über die Seidenstrasse nach Europa. In den Niederlanden brach ein wahres Tulpenfieber aus. Die Zwiebeln wurden mit Gold aufgewogen.

Tulpentrends: Rosé ist in, rot-gelb out

Heidi Kröni reist öfter nach Holland, um zu schauen, was auf dem globalen Blumenmarkt läuft und wie dort produziert wird. Jahr für Jahr hat sie ihr Tulpensortiment erweitert. Inzwischen hat sie 160 Sorten: gefüllte, gefranste, gesteifte, papageienförmige. Sie heissen Armani, Sensual Touch, Pretty Woman, Supermodel, Beauty of Barcelona, Orange Juice, Indiana. Die dunkelviolette Black Jack findet Kröni so schön, dass sie eine ihrer sechs Katzen nach ihr getauft hat. «Ich bin ein Tulpenfreak», bekennt sie. Aufgewachsen in einer neunköpfigen Bergbauernfamilie im Taminatal, kam sie mit 20 Jahren nach Tübach – und blieb.

Sie kann stundenlang über Tulpen fachsimpeln. «Dreamer» sei die Favoritin der Stunde: Eine roséfarbene Tulpe, die einer gefüllten Pfingstrose ähnelt und einen Hauch von Luxus verbreitet. Das bestätigt ein Blick auf Onlineportale. Wer sich durch die Interior-Design-Kanäle auf Instagram scrollt, stellt fest: Pastellige Rosétöne sind im Trend.

Im Video erzählt sie, welche Tulpen wo gefragt sind:

Heidi Kröni erzählt, wo sie welche Tulpe verkauft.

Video: Belinda Schmid

Eine andere Tulpe, rot mit gelben Blütenrändern, entpuppt sich hingegen als Ladenhüterin. Diese Farbkombination wolle niemand mehr, sagt die Blumenhändlerin.

Seit über zehn Jahren baut Heidi Kröni die gelbe Sorte «Strong Gold» an. Sie bleibt gerade stehen in der Vase, ist lange haltbar, die Blüte öffnet sich jedoch nicht. Die Sorte ist auch im Supermarkt zu finden. «Eine etwas langweilige Tulpe», findet die Kennerin, die ihre Kundschaft lieber mit speziellen, exklusiven Blüten überrascht.

Krise: Tulpen­zwiebeln werden knapp

Doch die globale Krise macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Zwar sind Blumen gefragter denn je, weil die Leute mehr zuhause sind und ihre Wohnung verschönern wollen. Die Tulpenzwiebeln sind jedoch so begehrt, dass gewisse Sorten nicht mehr so einfach verfügbar sind.

Die Tulpen werden in acht Tunnels angebaut und je nach Wetter beschattet oder mit Folien geschützt.

Die Tulpen werden in acht Tunnels angebaut und je nach Wetter beschattet oder mit Folien geschützt.

Bild: Belinda Schmid

Noch einige Wochen ist das Team nun mit den Tulpen beschäftigt. Andere Arbeiten drängen, wie Jäten und Säen von anderen Blumen. Aber die Tulpen fordern zwei Drittel der Zeit. «Wann ist es endlich vorbei?», fragt sich Heidi Kröni allmählich.

«Die Tulpen stressen.»

Die Unternehmerin könnte mehr Tulpen anbauen, die Nachfrage wäre da. Will sie aber nicht – zu riskant. Die Blumenproduzentin ist dem Wetter und den Launen der Konsumentinnen ausgeliefert. «Wenn es im April zu warm wird, hat niemand mehr Lust auf Tulpen.» Dann gehen die Preise in den Keller. Kröni ist froh, dass Ostern in diesem Jahr erst am 17. April ist. «Bis Ostern können wir die Tulpen gut verkaufen.» Denn die bunten Blumen gehören zum Osterfest wie die Tanne zu Weihnachten.

Ein Mitarbeiter bringt die Blumen ins Kühlhaus.

Ein Mitarbeiter bringt die Blumen ins Kühlhaus.

Bild: Belinda Schmid

Schon seit 30 Jahren baut Kröni die verführerisch bunte Pflanze an. Obwohl sie seit Wochen nur noch Tulpen sieht, schmückt sie auch ihre Wohnung stets mit mindestens drei frischen Tulpensträussen. «Mich fasziniert, wie verschieden sich die Tulpen je nach Sorte in der Vase entwickeln.»

Die Tulpe ist eine Verwandlungskünstlerin. Anfangs lassen ihre Knospen nur einen Hauch Pastellfarbe erkennen. Stellt man sie in die warme Stube, kann man zusehen, wie sie sich in der Vase streckt und wächst, wie sich die Blüten öffnen und ihre Farben offenbaren. Innert kurzer Zeit verwandelt sich der Strauss in ein Gemälde.

Krönis Tipp: Lieber am Anfang genug Wasser geben, weil Tulpen viel trinken. Die Blumen nachts in einen kühlen Raum stellen – dann halten sie doppelt so lang.

Beliebt: Tulpen, die ähnlich wie Pfingstrosen gefüllt sind.

Beliebt: Tulpen, die ähnlich wie Pfingstrosen gefüllt sind.

Bild: Belinda Schmid

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