Neukirch-Egnach
Jeder Fünfte ist tot: Thurgauer Heimleiter erlebte nur Monate vor seiner Pensionierung einen Corona-Albtraum

Das Coronavirus breitete sich zu Beginn des Jahres im Alterswohnheim Neukirch-Egnach rasant aus. Neben zehn Todesopfern erwischte das Virus auch den Heimleiter Meinrad Senn arg. Er lag sieben Wochen im Spital, auch auf der Intensivstation. Ein Ereignis, das während seiner 17 Jahre als Heimleiter seinesgleichen sucht.

Diego Müggler
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Der Ehemalige Heimleiter Meinrad Senn steckte sich mit dem Coronavirus an und lag daraufhin sieben Wochen im Spital.

Der Ehemalige Heimleiter Meinrad Senn steckte sich mit dem Coronavirus an und lag daraufhin sieben Wochen im Spital.

Bild: Ralph Ribi

«Wir wussten, dass es kommen wird. Die Frage war: Wann und wie wird es zuschlagen.» So beschreibt Meinrad Senn, ehemaliger Heimleiter, die Situation seit Beginn der Pandemie im Alterswohnheim (AWH) Neukirch-Egnach. Neun Monate lang blieb der Betrieb mit 85 Mitarbeitenden vor dem Erreger verschont. Doch ausgerechnet im Dezember, keinen Monat, bevor die Bewohnerinnen und Bewohner die Impfung verabreicht bekommen hätten, brach das Virus im Pflegeheim aus. 31 von 47 Bewohnenden wurden positiv auf Covid-19 getestet – binnen nur zwei Wochen waren zehn von ihnen gestorben. «Wenn alle zwei Tage jemand Neues am Esstisch fehlt, trifft das die Gemeinschaft hart», sagt Senn, der bis zu seiner Pensionierung Ende März Heimleiter im AWH Neukirch-Egnach war.

«Alle Betroffenen konnten ruhig und begleitet sterben. Die meisten älteren Menschen fürchteten sich nicht vor dem Tod, sondern vor einem schmerzhaften Sterben.»

So sei der Tod in einem Pflegeheim auch ohne Pandemie etwas Allgegenwärtiges. «Wir alle setzten uns aktiv mit diesem Thema auseinander und können mit palliativer Pflege viel erreichen.»

Doch Meinrad Senn traf das Virus nicht nur emotional. Er steckte sich selbst an und lag daraufhin sieben Wochen lang im Spital. Ein grosser Teil seiner Lunge war vom Krankheitserreger befallen und dadurch begrenzt funktionsfähig. So verbrachte er drei Tage auf der Intensivstation. Jetzt, drei Monate später, gehe es ihm wieder gut. «Ich spüre aber immer noch Folgen der Erkrankung: Alltägliche Dinge wie Velofahren oder Treppensteigen gehen nur erschwert.»

Die Bewältigung der Pandemie ist in Alters- und Pflegeheimen eine grosse Herausforderung.

Die Bewältigung der Pandemie ist in Alters- und Pflegeheimen eine grosse Herausforderung.

Symbolbild: Laurent Gillieron / KEYSTONE

Aufgrund seines Spitalaufenthaltes war Senn bei der organisatorischen Bewältigung des Ausbruchs im Pflegeheim nicht vor Ort. «Wir hatten indes bereits im Vorhinein ein Konzept erstellt, wie wir auf eine solche Situation reagieren sollen», sagt Senn. Die Bewohnenden trotz Einzelisolation pflegen und verpflegen zu können, brauche eine fixe Planung.

«Zum Glück konnten wir von anderen Pflegeheimen lernen, die bereits dasselbe durchgemacht hatten.»

Und schliesslich spricht der pensionierte Heimleiter auch ein grosses Lob an die Mitarbeitenden aus, die mit ihrem riesigen Engagement und zahlreichen Überstunden diese Situation meisterten. Schliesslich war in dieser Zeit ein Drittel des Personals in Isolation. Wie das Virus in das Heim gelangte, will Senn nicht verraten. «Es hätte jede und jeden treffen können.» So finde er es nicht nur moralisch falsch, einen Schuldigen zu suchen. «Es bringt uns auch nicht weiter.»

Aufbruchstimmung und Abschied

In der Zwischenzeit konnten alle Bewohnenden des Alterswohnheims geimpft werden. «Das beruhigt uns», sagt Senn. Im Nachhinein betrachtet, war das Timing sehr unglücklich.

«Wäre das Coronavirus bei uns einen Monat später ausgebrochen, wären bereits alle geimpft gewesen.»
Die Corona-Impfung ist eine grosse Erleichterung – nicht nur für die Betroffenen.

Die Corona-Impfung ist eine grosse Erleichterung – nicht nur für die Betroffenen.

Bild: PD

Doch trotz der vielen Todesopfer habe man im Pflegeheim mit dem Thema gut abschliessen können, sagt der ausgebildete Heimleiter. «Nachdem zuerst eine bedrückte Stimmung in der Luft lag, schauen die Bewohnenden nun zuversichtlich in die Zukunft. Es herrscht Aufbruchsstimmung.»

Auch im Leben von Meinrad Senn ist Veränderung angesagt. Der studierte Betriebswirtschafter liess sich Ende März frühpensionieren. Als er 2004 die Heimleitung in Neukirch-Egnach übernahm, wollte er nur eine Hand voll Jahre am See bleiben und danach die Leitung einer grösseren Institution übernehmen. Doch weil es ihm im Dorf und im Betrieb so gut gefiel, wurden daraus 17 Jahre. In dieser Zeit hat sich laut dem 64-Jährigen in den Schweizer Altersheimen einiges getan:

«Die Ansprüche sind heute ganz andere. Die Leute gehen nicht mehr in ein Altersheim, um den Lebensabend zu geniessen, sondern erst, wenn es gesundheitlich zu Hause nicht mehr geht.»

So ist die durchschnittliche Aufenthaltszeit im Alterswohnheim Neukirch-Egnach in den letzten zehn Jahren von knapp fünf auf unter zwei Jahre gefallen. Um auf diesen Trend zu reagieren, gestaltete Senn in den letzten 17 Jahren das Altersheim zu grossen Teilen in ein Pflegeheim um.

Dadurch benötigt das Wohnheim mehr hochqualifiziertes Personal, das nicht nur für die Betreuung, sondern auch für eine hochqualifizierte Pflege der Bewohnenden ausgebildet ist. Das sei aktuell ein grosses Problem in der Branche, sagt Senn. «Sehr viele gut ausgebildete Fachkräfte sind in einem Spital oder bei der Spitex tätig. So entsteht in den Pflegeheimen ein zusätzlicher Fachkräftemangel.» All dies führe unter anderem zu deutlich höheren Preisen für einen Heimaufenthalt.

Thomas Bühler hat das Steuer im Alterswohnheim Neukirch-Egnach übernommen. Links von ihm sein Vorgänger Meinrad Senn und rechts der Genossenschaftspräsident Thomas Ruhstaller.

Thomas Bühler hat das Steuer im Alterswohnheim Neukirch-Egnach übernommen. Links von ihm sein Vorgänger Meinrad Senn und rechts der Genossenschaftspräsident Thomas Ruhstaller.

Bild: Doris Hollenstein

Pandemiebedingt konnte der Abschied von Meinrad Senn nicht festlich gefeiert werden. Trotzdem sei es sehr schön gewesen, sagt der gebürtige St.Galler. «Zu den Bewohnenden und den Mitarbeitenden entwickelt man über die Jahre eine sehr starke Beziehung.» Teilweise habe er sogar noch Kontakt zu Familien von bereits lang Verstorbenen.

«Die vielen Kontakte zu den Menschen machen den Alterspflegebereich zu einem so schönen, aber auch anspruchsvollen Sektor.»