Ersatzfreiheitsstrafe
«Ich mache eine Staatsaffäre daraus»: Eine 76-jährige Amriswilerin will lieber ins Gefängnis, statt eine Busse zu bezahlen

Agatha Bortolin soll mit ihrem Auto ein Mäuerchen beschädigt und dann Fahrerflucht begangen haben. Sie sagt jedoch «Ich bin unschuldig» und hat sich für einen ungewöhnlichen Weg entschieden.

Manuel Nagel
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Agatha Bortolin sitzt in ihrem Wohnzimmer in einem alten Haus in Räuchlisberg.

Agatha Bortolin sitzt in ihrem Wohnzimmer in einem alten Haus in Räuchlisberg.

Bild: Manuel Nagel (Räuchlisberg, 16.August 2021)

Agatha Bortolin ist gerade am Telefon, als sie dem Journalisten die Tür öffnet und ihn mit einer Handbewegung herein bittet. Aufgrund der Gesprächsfetzen wird schnell klar, dass es beim Telefonat um den Vorfall geht, durch den sie Ende vergangener Woche in der Boulevardpresse nationale Berühmtheit erlangt hat: Nämlich als «Knast-Grosi», das lieber ins Gefängnis geht, als eine Busse zu bezahlen.

Die Decke im Wohnzimmer ihres Hauses in Räuchlisberg ist tief, wie es in alten Häusern oft der Fall ist. Wer sich das nicht gewohnt ist, für den kann ein solcher Raum schnell einmal erdrückend wirken. Das Gespräch ist beendet. Ein Anwalt war am anderen Ende der Leitung. «Möchtest du Kaffee?», fragt sie mit hörbar holländischem Akzent, obschon sie bereits seit 1967 in der Schweiz wohnt – mehr als ein halbes Jahrhundert. «Ich duze alle, ich bin sehr unkompliziert», sagt sie und lacht. Statt Kaffee serviert sie auf Wunsch ihres Gastes aber einen Tee.

Agatha Bortolin serviert dem Journalisten einen Tee.

Agatha Bortolin serviert dem Journalisten einen Tee.

Bild: Manuel Nagel (Räuchlisberg, 16.August 2021)

Kaffee soll es dann am 14. Oktober für die Polizisten geben, die ausrücken werden, um die 76-Jährige zu holen. In der Zwischenzeit wird Agatha Bortolin noch Geburtstag feiern. «In drei Wochen werde ich 77», erzählt sie.

«Es ist lächerlich, man hätte das auch anders lösen können»

Von der Polizei abgeholt zu werden, um eine Ersatzfreiheitsstrafe anzutreten, das dürfte manch anderem schlaflose Nächte bereiten. «Auch ich habe einige Nächte kein Auge zugetan», gibt Agatha Bortolin freimütig zu. Nun sitzt sie jedoch entspannt in ihrem Sessel und erzählt erneut ihre Sicht der Dinge, was an jenem 31. August vor fast einem Jahr geschah.

«Lächerlich» sei das Ganze, findet Agatha Bortolin, denn man hätte das auch anders lösen können, ist sie überzeugt. Noch nie habe sie einen Strafbefehl erhalten, noch nie habe sie mit jemandem vor Gericht gestritten, erzählt sie und bezeichnet sich selbst als einen «eigentlich äusserst friedliebenden und sozialen Menschen». Als jemanden, der eher nachgibt, als dass es zu Streit kommt.

Doch der Vorfall vor einem Jahr – und vor allem dessen Folgen – haben die Kampfeslust der 76-Jährigen geweckt, wie sie sagt:

«Weil ich mich ungerecht behandelt fühle.»

Unter Druck habe man sie gesetzt und überrumpelt, sodass Bortolin vorschnell die Schuld für eine Bagatelle auf sich genommen habe, wie sie sagt.

«Fünf Polizisten, wo sind wir denn?»

Doch was war überhaupt geschehen? Agatha Bortolin schildert, dass sie an jenem Tag nach Erlen fuhr, um ihre Tochter abzuholen, die ihr zu Fuss von Lenzenhaus entgegen kam. Kurz nach der Ortstafel von Erlen erblickte sie auf der Lenzenhausstrasse ihre Tochter und wollte das Auto auf dem Vorplatz eines Einfamilienhauses wenden. Dabei soll sie beim Rückwärtsfahren ein Sandsteinmäuerchen touchiert haben, sodass ein Stein aus der Mauer auf den Vorplatz fiel. Die Besitzer des Hauses hätten das gehört und aus dem Fenster geschaut. Sie hingegen habe nichts gehört, beteuert Agatha Bortolin – «und ich höre noch gut» – ebenso habe auch ihre Tochter kein entsprechendes Geräusch mitbekommen, obwohl diese nur noch 20 oder 30 Meter vom Ort des Geschehens entfernt war. Bortolins fuhren in Richtung Amriswil davon. Derweil rief der Hausbesitzer die Polizei an und beschuldigte Agatha Bortolin der Fahrerflucht.

Nach einem kurzen Einkaufshalt auf der Heimfahrt folgte die böse Überraschung zu Hause, als beim Ausladen der Einkäufe plötzlich zwei Streifenwagen vorfuhren und drei Polizisten ausstiegen.

Kaum nach dem Einkauf zu Hause angekommen, fuhren bereits auch schon zwei Polizeiwagen bei der 76-jährigen Rentnerin vor.

Kaum nach dem Einkauf zu Hause angekommen, fuhren bereits auch schon zwei Polizeiwagen bei der 76-jährigen Rentnerin vor.

Bild: Manuel Nagel (Räuchlisberg, 16.August 2021)

Auch ein Jahr später findet Agatha Bortolin dieses Aufgebot immer noch übertrieben. «Insgesamt fünf Polizisten – wo sind wir denn?», fragt sie rhetorisch. Es sei ganz einfach lächerlich, auch wenn sich die Beamten korrekt verhalten hätten.

Mauerbesitzer zeigte kein Interesse an gütlicher Einigung

Bortolins fuhren zurück zum Tatort, wo ein Polizist und eine Polizistin den Fall rapportierten. Die Frau sei etwas gar eifrig gewesen, erinnert sich Bortolin und fügt mit einem Augenzwinkern an: «Ich bin Opfer einer fleissigen Polizistin und eines frustrierten Mäuerchenbesitzers.» Sie betont erneut, dass es diesen ganzen Aufwand nicht gebraucht hätte.

«Wäre mir jemand in die Mauer gefahren, dann hätte ich gesagt ‹Lassen Sie uns einen Kaffee trinken und schauen, wie wir das regeln›.»

Doch der geschädigte Mauerbesitzer hielt an der Strafanzeige fest und die Beamtin zeigte laut Bortolin kein Interesse, dass sich die Parteien in diesem Fall gütlich einigen – sodass diese Angelegenheit nun zu einer Posse verkommt, die den Steuerzahler unnötig viel Geld kostet. Agatha Bortolin wehrt sich nun auf diese Weise, weil sie sich schäbig behandelt fühlt. Sie war zu Beginn gewillt die Busse zu bezahlen, obwohl sie selbst finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Die Rentnerin erhält Ergänzungsleistungen, lebt von 2200 Franken pro Monat und beklagt sich nicht darüber. «Ich komme gut damit klar», sagt sie. Aber nicht klar kommt sie, wenn man sie nicht ernst nimmt.

«Wahrscheinlich hat auch die Polizistin mich in eine Schublade gesteckt: eine alte ‹Trucke› mit Ribelifrisur und Akzent, die wohl etwas dumm ist», vermutet Bortolin. Denn als sie der Beamtin gesagt habe, sie hätte keinen frontalen Aufprall gehört, habe diese sie angeherrscht: «Sie müssen etwas gehört haben.» Immer wieder seien ihre Aussagen in Frage gestellt worden. Für Bortolin war das Mass voll. «Als Lügnerin lasse ich mich nicht hinstellen.»

Staatsanwältin hat die Rentnerin am Telefon abgewiesen

Auch von der Staatsanwältin ist Bortolin enttäuscht. Als sie diese darum bat, die Busse in Raten abzahlen zu dürfen, seien kommentarlos drei Einzahlungsscheine mit der Post gekommen. Danach schrieb Bortolin drei weitere Briefe und bat um ein Gespräch, doch nie habe diese sie kontaktiert. «Das hat auch mit Anstand zu tun, wenigstens eine Antwort zu geben», findet Agatha Bortolin. Als sie dann die Staatsanwältin endlich am Telefon erreichte, wies diese die Rentnerin ab.

«Da habe ich zur Frau Staatsanwältin gesagt, ich werde die Zahlungen stoppen» – Bortolin hatte da bereits zwei Tranchen zu je 200 Franken einbezahlt –

«Dann gehe ich halt ins Gefängnis. Und ich will gerne Milchkaffee zum Zmorge.»

Die Amriswilerin drehte den Spiess um und entschied, ihre Busse abzusitzen. Man habe sie zwar erneut einschüchtern wollen, es sei im Gefängnis nicht schön und sie würde nach zwei Tagen die Busse gerne bezahlen – «aber da kennen die mich noch nicht», sagt Bortolin schon fast trotzig.

«Ich ziehe gestreifte Kleider an, den Spass mache ich mir»

Was sie im Gefängnis erwarte, das wisse sie nicht, verweist aber auf frühere Erfahrungen: «Ich habe in Serbien in einem Heim unter ganz schlimmen Bedingungen mehrere Monate gearbeitet und gelebt.» Was solle sie also schockieren? Vielleicht sei es ein Raum mit einem WC drin, wo man ihr dann zusehen könne. Sie sehe es ja dann. «Aber vier Tage, das überstehe ich.» Sie ist überzeugt, sie halte es länger aus als Giuseppe Grasso aus Weinfelden.

«Wusste nicht, dass die Zellen so versifft sind»:
Der Weinfelder Giuseppe Grasso hielt es nur drei Stunden im Thurgauer Kantonalgefängnis aus

Ebenfalls um eine Sandsteinmauer ging es bei einem Nachbarschaftsstreit in Weinfelden. Anfang dieses Jahres hätte der Weinfelder Giuseppe Grasso eine sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe von zwölf Tagen antreten sollen, weil er seinen Nachbarn mit Faustschlägen attackiert hatte. Aus den zwölf Tagen wurden schliesslich nur drei Stunden – dann knickte Grasso bereits ein und bezahlte die Busse. Seine Freundin brachte die erforderlichen 2450 Franken in bar vorbei, damit Giuseppe Grasso vorzeitig aus der Zelle entlassen werden konnte. «Ich wusste nicht, dass die Zellen so versifft sind», liess sich der Kurzzeitgefangene zitieren. Es sei katastrophal gewesen, die Matratze habe an der Wand gelegen, überall habe es Flecken gehabt und das WC sei verkalkt gewesen. Und auch dass die Zelle nach Rauch gerochen habe, sei für den Nichtraucher eine Zumutung gewesen. «Das war definitiv kein Hotel», lautete das Urteil von Giuseppe Grasso nach dessen Kurzaufenthalt im Gefängnis. (man)

Einrücken wird sie mit gestreiften Sträflingsklamotten, kündigt Bortolin schon mal an. Den Spass mache sie sich und sie habe sich gesagt, sie wolle eine Staatsaffäre daraus machen, vielleicht auch die Sache ins Lächerliche ziehen.

«Ich muss das machen, damit es mir nicht zu nahe geht. Andersherum bekäme ich psychisch wohl Probleme – auch im Gefängnis, selbst wenn es nur wenige Tage sind.»

Und sie stellt sich vor, wie es bei Leuten ist, die mehrere Jahre unschuldig im Gefängnis sitzen.

Hinter Gittern werde sie wohl vor allem lesen und ihren Aufenthalt protokollieren. Denn es habe geheissen, sie dürfe nicht lismen, was sie ja sonst sehr gerne tue. Die 76-Jährige sagt im Scherz: «Ich könnte ja mit meinen Lismernadeln den Wärter erstechen.»

Dem Aufenthalt im Gefängnisblickt Agatha Bortolin mit Humor entgegen.

Dem Aufenthalt im Gefängnisblickt Agatha Bortolin mit Humor entgegen.

Bild: Manuel Nagel (Räuchlisberg, 16.August 2021)

Lismernadelstiche wird es also keine geben während ihrer Haftzeit, doch das hindert Agatha Bortolin nicht daran, vorher noch einige Nadelstiche zu setzen. Etwa beim Haftantritt, der gemäss «Vorladung zum Strafantritt» pünktlich morgens um 8.15 Uhr am 14. Oktober beim Kantonalgefängnis in Frauenfeld zu erfolgen habe. Und weiter heisst es in dem Schreiben vom 14. Juni: «Nichterscheinen hat die polizeiliche Einlieferung zur Folge.»

Das bedeutet, dass Bortolin zu Hause abgeholt wird. Dort will sie auf die Beamten warten – und ihnen dann, wie all ihren Gästen, Kaffee oder Tee anbieten.

Die bereits einbezahlten 400 der insgesamt 1280 Franken fordert Bortolin übrigens zurück, weil sie sich unschuldig fühle und das Geld nur unter Druck einbezahlt habe. Agatha Bortolin sagt:

«Erstatten sie mir das Geld zurück, muss ich wohl vier Tage länger im Gefängnis bleiben und noch einige saubere Unterhosen mehr einpacken.»

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