Frauen haben keine Geduld mehr: Komitee um St.Galler Frauenstreik hakt bei Forderungen nach

Über eine halbe Million Frauen sind vor gut einer Woche für gleiche Rechte auf die Strasse gegangen. Damit ihre Forderungen nicht im Sand verlaufen, haben Ostschweizer Politikerinnen mehrere Vorstösse eingereicht.

Janina Gehrig
Drucken
Teilen
Viele Frauen haben keine Lust und keine Geduld mehr, um auf gleich lange Spiesse im gesellschaftlichen, beruflichen und privaten Leben zu warten. (Bild: Michel Canonica)

Viele Frauen haben keine Lust und keine Geduld mehr, um auf gleich lange Spiesse im gesellschaftlichen, beruflichen und privaten Leben zu warten. (Bild: Michel Canonica)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Sie zogen zu Hunderttausenden mit Transparenten und lila Kleidern durch die Schweizer Städte. Prangerten lautstark und auf unzähligen Transparenten Lohnungleichheit und Sexismus, prekäre Arbeitsbedingungen, die Geringschätzung von unbezahlter Arbeit, Diskriminierung und sexualisierte Gewalt an. Gut eine Woche ist der Frauenstreik her. Damit die Forderungen nicht einfach verpuffen, haben nationale Politikerinnen Tage darauf diverse Vorschläge ins Parlament eingebracht. Die Individualbesteuerung, Pflegeurlaub oder Präventionskampagnen gegen Sexismus stehen auf der Liste. Die SP Schweiz kündigte zudem eine Frauen-Volksinitiative mit fünf Hauptforderungen an.

Vorstösse sollen aufzeigen, welche Kultur gelebt wird

Auch Ostschweizer Politikerinnen nutzen die Gunst der Stunde, um ihren Anliegen Nachdruck zu verleihen. So hat die SP-Grüne-Fraktion des St.Galler Kantonsparlaments vergangene Woche nicht weniger als vier Vorstösse eingereicht.

Zuversichtlich: SP-Kantonsrätin Bettina Surber. (Bild: Regina Kühne)

Zuversichtlich: SP-Kantonsrätin Bettina Surber. (Bild: Regina Kühne)

Sie möchte etwa von der Regierung wissen, wie die Lohngleichheit in der öffentlichen Verwaltung überprüft wird oder ob auch Vollzeit arbeitende Väter zu Hause bleiben dürfen, um sich um das kranke Kind zu kümmern. «Die Interpellationen sollen aufzeigen, welche Kultur gelebt wird und welche Weisungen gelten», sagt die St.Galler SP-Kantonsrätin Bettina Surber, welche die Vorstösse ausgearbeitet hat und auch dem Streikkomitee angehörte.

Eine Motion fordert, dass Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geschaffen werden und dass Frauen angemessen in Kaderstellen vertreten sind. Aktuell sitze in den sieben Generalsekretariaten keine einzige Frau, sagt Surber. Die Vorstösse zielen in erster Linie auf die öffentliche Verwaltung ab. Surber sagt:

«Der Kanton muss als Vorbild vorangehen.»

Sie ist zuversichtlich, dass die Anliegen durchgesetzt werden können.

«Die Bewegung ist stark, man kann sie nicht mehr wegreden.»

Auch im nationalen Parlament sind vergangene Woche Forderungen durchgekommen. Sie wären laut Surber vor dem Streik kaum denkbar gewesen. So hat der Ständerat am Donnerstag zwar einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub abgelehnt, dem Gegenvorschlag von zwei Wochen aber zugestimmt. Tags zuvor sprach er sich für eine weiche Quote aus. In Verwaltungsräten börsenkotierter Unternehmen muss der Frauenanteil künftig mindestens 30 Prozent, in Geschäftsleitungen 20 Prozent betragen.

Edith Wohlfender (SP) an der Sitzung des Grossen Rates des Kantons Thurgau.

Edith Wohlfender (SP) an der Sitzung des Grossen Rates des Kantons Thurgau.

Für Edith Wohlfender, Thurgauer SP-Kantonsrätin, reicht der zweiwöchige Vaterschaftsurlaub bei weitem nicht aus, um jungen Eltern einen guten Start ins Familienleben zu gewähren.

«Es geht hier nicht um Urlaub, sondern um eine Lebensphase, in der man sich völlig neu organisieren muss.»

Auch sie möchte verhindern, «dass die Anliegen des Frauenstreiks einfach in einer Schublade verschwinden». Am Mittwoch hat sie im Grossen Rat eine Einfache Anfrage eingereicht («Tagblatt» vom 20. Juni). Auch sie fragt nach Massnahmen gegen die Lohnungleichheit und möchte etwa wissen, ob die Regierung bei Zulieferern eine Lohncharta einfordern werde. «Damit würde sie ein klares Bekenntnis zur Lohngleichheit abgeben», sagt Wohlfender.

Bereits im Januar hatte sie mit anderen SP-Frauen danach gefragt, wie der Kanton Kitaplätze für Mitarbeiter und Tagesschulen fördert.

«Seit 38 Jahren reden wir davon, dass Frauen gleichgestellt werden müssen. Wenn aber die Rahmenbedingungen nicht stimmen, bleiben die Mütter lieber zu Hause.»

Wohlfender, Geschäftsleiterin der Ostschweizer Sektion des Berufsverbands für Pflegefachleute (SBK), setzt sich zudem für die Anerkennung von Care-Arbeit ein. Mitarbeiter, die kranke Angehörige pflegen, sollen auf der Arbeit ausfallen dürfen, ohne, dass ihnen der Lohn gekürzt wird.

«Kein grösserer Handlungsbedarf»: FDP-Kantonsrat Beat Tinner. (Bild: PD)

«Kein grösserer Handlungsbedarf»: FDP-Kantonsrat Beat Tinner. (Bild: PD)

Vaterschaftsurlaub Ja, Quoten Nein

Bürgerlichen Politikern eilt es weniger in Sachen Gleichstellung. Die St.Galler Regierung habe zwar Lohnungleichheiten festgestellt, die Unterschiede lägen jedoch unter der Fünf-Prozent-Klausel, «weshalb aktuell kein grösserer Handlungsbedarf besteht», sagt etwa Beat Tinner, St.Galler FDP-Kantonsrat und Gemeindepräsident von Wartau. Die Unterschiede in der Kantonsverwaltung würden sich aufgrund des neuen Lohnsystems Nelo angleichen. Höchste Priorität hat für Tinner die ausserfamiliäre Kinderbetreuung, dessen Angebot verbessert werden müsse. Zu den Beschlüssen des Ständerats sagt er:

«Von Quoten halte ich wenig. Der Vaterschaftsurlaub macht aber Sinn.»

So diskutiere man in Kürze auch in der Gemeinde Wartau darüber, einen zehntägigen Vaterschaftsurlaub einzuführen.

Der Frauenfelder Stadtpräsident Anders Stokholm (FDP) wäre für eine Elternzeit von sechs Monaten. (Bild: Reto Martin)

Der Frauenfelder Stadtpräsident Anders Stokholm (FDP) wäre für eine Elternzeit von sechs Monaten. (Bild: Reto Martin)

«Ein halbes Jahr Elternurlaub wäre gut»

Viel weiter gehen würde Anders Stokholm, Thurgauer FPD-Kantonsrat und Stadtpräsident von Frauenfeld. Der gebürtige Däne wäre gar für eine Elternzeit von sechs Monaten. «In Dänemark hat sich gezeigt, dass ein Jahr Elternurlaub für die Wirtschaft keine Wettbewerbsnachteile zur Folge hat.» Für Stokholm hat die Lohngleichheit aber klar Priorität. «Die Hauptforderung aus dem Frauenstreik setzen wir in Frauenfeld bereits um: Wir haben keine Lohnunterschiede in der öffentlichen Verwaltung.» Die öffentliche Hand habe eine Vorbildfunktion. «Private Firmen müssen nachziehen, wenn sie attraktive Arbeitgeber sein wollen.» Stokholm hat Verständnis dafür, dass die Schweiz seinem Heimatland in Sachen Gleichstellung rund 70 Jahre hinterherhinkt. «Es braucht Zeit.»

Viele Frauen, das hat der Streik gezeigt, haben aber keine Geduld mehr. So wird sich das Komitee um den St.Galler Frauenstreik bald erneut treffen, um weitere Vorstösse auszuarbeiten.

Aktuelle Nachrichten