BRUNNADERN: «Angst am Steuer habe ich nie»

Hansruedi Giezendanner hat die frühen Jahre des Bergrennens Hemberg als einheimischer Bauernbub hautnah miterlebt. Nun geht er zum fünftenmal selber an den Start – mit über 280 PS und allenfalls einem «winzigen Heimvorteil».

Adrian Vögele
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«Ich bin ehrgeizig, aber nicht vergiftet»: Hobby-Rennfahrer Hansruedi Giezendanner vor seinem Mitsubishi. (Bild: Benjamin Manser)

«Ich bin ehrgeizig, aber nicht vergiftet»: Hobby-Rennfahrer Hansruedi Giezendanner vor seinem Mitsubishi. (Bild: Benjamin Manser)

BRUNNADERN. Die Garage liegt etwas versteckt, unmittelbar am Ufer des Neckers. Hier schlummert Hansruedi Giezendanners Geschoss: Ein Mitsubishi Lancer Evo 8. Verglichen mit anderen Rennautos ein eher unscheinbares Fahrzeug. Doch der Eindruck täuscht. «Giez», wie er hier in der Gegend von allen genannt wird, dreht den Zündschlüssel. Mit einem Röhren erwacht der Bolide zum Leben, und als er grummelnd und knatternd auf den Vorplatz rollt, ist klar: Das hier ist ein echtes Rennpferd – genau so klingt es, wenn sich vor einem Rennen die Autos vor der Startlinie einreihen.

Die PS-Frage zuerst: Wie viel Kraft steckt unter der Haube? «Schwer zu sagen», antwortet Giezendanner lächelnd. «Offiziell hat er 280 PS, es sind aber wohl etwas mehr.» «Giez» gehört nicht zu der Sorte von Autobesitzern, die lang und breit über technische Details reden. Der gelernte Kunststofftechnologe schraubt auch kaum selber am Auto herum. «Ich fahre lieber.» Aber nicht im normalen Strassenverkehr – obwohl der Wagen dafür zugelassen wäre. «Die Versuchung, zu schnell zu fahren, ist zu gross», sagt Giezendanner. Stattdessen ist der 51-Jährige Mitglied im Rennclub Untertoggenburg und nimmt an etwa zehn Rennen pro Jahr teil. Meistens auf Bergstrecken, wie am kommenden Wochenende in Hemberg. Dafür ist der Mitsubishi mit seinem Vierradantrieb wie geschaffen.

Ein Gaudi zu Regazzonis Zeiten

Hemberg ist für Giezendanner ein Heimspiel: Hier ist er aufgewachsen, auf einem Bauernbetrieb. Der Hof lag abseits des Strassennetzes. «Ich ging zu Fuss zur Schule, mehrere Kilometer weit. Vielleicht hatte ich gerade deshalb schon früh eine Leidenschaft für Autos und Motorräder», sagt Giezendanner. 1968, als er drei Jahre alt war, fand das Bergrennen St. Peterzell–Hemberg zum ersten Mal statt. Von klein auf verfolgte er das Rennen hautnah. In ihren besten Jahren zog die Veranstaltung über 20 000 Zuschauer an – und berühmte Rennfahrer wie Clay Regazzoni.

Für die Buben aus der Nachbarschaft begann der Spass schon vor den Renntagen im September: «Oft besichtigten Fahrer die Strecke, um sich vorzubereiten. Manchmal hatten sie ihren Rennwagen dabei und liessen uns sogar mitfahren.» Auf einer dieser Probefahrten muss es passiert sein: «Giez» beschloss, irgendwann selber am Bergrennen teilzunehmen.

Über 20 Jahre gewartet

Zunächst hatte Giezendanner Pech: Im Oktober 1990 erwarb er die Rennfahrerlizenz und wollte 1991 mit einem VW Golf in Hemberg starten – doch just ab diesem Jahr gab es das Bergrennen nicht mehr. «Der Widerstand der Umweltschützer war zu gross.» Auch ein Versuch in den 1990er-Jahren, das Rennen wieder durchzuführen, scheiterte an ökologischen Bedenken. Giezendanner fuhr derweil anderswo – doch der Traum vom Rennen daheim in Hemberg blieb.

Auch andere Rennsportbegeisterte aus der Region wollten das Rennen wiederbeleben. 2008 wurde dazu eigens ein Verein gegründet. 2012 schliesslich fand der Anlass wieder statt. Giezendanner war Feuer und Flamme – auch wenn es nun um eine andere Strecke ging als in seinen Kindertagen. Das Rennen führte nicht mehr von St. Peterzell, sondern vom Dorf Bächli (Schwandsbrugg) her nach Hemberg. «Die neue Strecke ist schwieriger und kurvenreicher als die alte. Als ich dort starten durfte, nach über 20 Jahren Wartezeit, war das schon ein spezielles Gefühl», erinnert sich Giezendanner. Er holte gar den Sieg in seiner Kategorie.

Seither fährt er Jahr für Jahr in Hemberg mit. Im vergangenen Jahr wurde Giezendanner Zweiter – «oberknapp», wie er sagt. Obwohl: Er will nicht um jeden Preis gewinnen. «Ich habe einen gewissen Ehrgeiz, aber vergiftet bin ich nicht.» Sein persönliches Ziel für dieses Jahr: Er will die gegen 1,8 Kilometer lange Bergstrecke in weniger als einer Minute und sieben Sekunden schaffen. Der Mitsubishi wird seine Spitzengeschwindigkeit in diesem Rennen auf der Zielgeraden erreichen: «Etwa 180 Kilometer pro Stunde liegen dort schon drin.» Andere Fahrzeuge, etwa die Formel-Rennwagen, sind aber noch deutlich schneller.

Dass er ein Einheimischer sei und die Strasse gut kenne, falle kaum ins Gewicht, sagt Giezendanner. «Ich habe allenfalls einen winzigen Heimvorteil.» Auch Fahrer von ausserhalb würden sich die Strecke vorab genau anschauen. Zudem gibt es am Wochenende mehrere Trainingsläufe in allen Kategorien.

«Viel für die Sicherheit getan»

Angst am Steuer habe er nie, sagt Giezendanner. «Sonst hätte ich in einem Rennauto nichts zu suchen.» Zwar sei sein Hobby mit Risiken verbunden – «aber das gilt genauso für andere Beschäftigungen, wie das Bergsteigen.» Dennoch: Was sagt der Rennfahrer zur Kritik, Autorennen seien zu gefährlich und zudem aus ökologischer Sicht nicht mehr zeitgemäss? «Fussballspiele beispielsweise verursachen durch die hohen Zuschauerzahlen ebenfalls Emissionen – und zwar jedes Wochenende. Um die Sicherheit der Zuschauer zu gewährleisten, braucht es Polizeiaufgebote, die die öffentliche Hand finanziert. Da sollte auch einmal pro Jahr ein zweitägiges Autorennen auf dem Hemberg drinliegen.» Er kenne kein anderes Bergrennen, das so viel für die Sicherheit von Fahrern und Zuschauern unternehme, sagt Giezendanner. Hemberg ist zudem als erstes Bergrennen ins Umweltprojekt Ecosport des Verbands Swissolympic eingebunden – dank innovativer Abfall- und Verkehrskonzepte.

Regenpneus sind montiert

Für die Renntage wünscht sich «Giez» vor allem eines: Trockenes Wetter – «sonst ist es für die Zuschauer nicht angenehm». Seine eigenen Vorlieben stellt er in den Hintergrund: «Ich fahre gern, wenn es nass ist», sagt er und schmunzelt. Die Regenpneus sind so oder so schon montiert.