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Appenzell gegen Wittenbach: Fast ein Videobeweis auf dem Land

Hightech in der 3. Liga – dazu vier Penaltys und acht Verwarnungen. Das Spiel Appenzell gegen Wittenbach bot reichlich Spannung, erste Anzeichen eines Videobeweises und endete 3:4.

Lukas Pfiffner
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Wittenbachs Joel Kurzbauer enteilt dem Appenzeller Lars Manser.

Wittenbachs Joel Kurzbauer enteilt dem Appenzeller Lars Manser.

Bild: Lukas Pfiffner

Der Ansatz zu einem Videobeweis in der 3.-Liga-Provinz? Vor nicht langer Zeit wäre dieser undenkbar gewesen. Am Samstag hört Schiedsrichter Bruno Mihaljevic schon in der 2. Minute: «Komm, schau es dir an, es war ein normaler Zweikampf!» Dem Rempeln an der Schulter des Appenzellers Lars Manser im Strafraum folgt erst der Penaltypfiff, dann der Ruf eines Wittenbacher Technikers, der sich zwischen den Ersatzbänken mit einem Kollegen und Hightech-Material eingerichtet hat.

Ein ausfahrbares Stativ ist auf dem Sportplatz Schaies mit Kabelbindern an einer Stange festgebunden; mehrere Meter hoch thront eine Kamera, die sich per Fernbedienung steuern lässt und Bilder auf ein Tablet überträgt. Selbstverständlich kommt der Ref nicht zur Kontrolle der Szene an die Seitenlinie. Er bleibt beim Entscheid – Simon Baumann trifft zum 1:0.

Eine sehr hohe Torkadenz

Seit der Rückrunde der vergangenen Saison werden Wittenbachs Spiele aufgenommen. Der Trainer bekomme einen Zusammenschnitt zum Studium, auch den Spielern schicke er diesen, erzählt der Kameramann. «Bei einem Tor stoppe ich kurz, das gibt dann schon einmal eine Markierung und erleichtert die Arbeit.» Erahnt er die Torflut, die noch kommt? Bei einer ersten verdächtigen Szene im Appenzeller Strafraum lässt der Schiedsrichter weiterspielen, aber nach einer Viertelstunde ist das Foul Leon Kellers unstrittig – Luca Brülisauer erzielt vom Penaltypunkt aus das 1:1. Fünf Minuten später bringt Lars Manser einen Freistoss von der Seite hoch auf das Tor; Wittenbachs Goalie Dario Räss lenkt den Ball mit der Hand hinter die Linie zur erneuten Innerrhoder Führung.

«… dann schicke ich dir das Video»

Die Gäste wirken anfällig. Kevin Streule profitiert von einem Abspielfehler und setzt den Ball herrlich zum 3:1 in die hohe Ecke (26.). Nach weiteren vier Minuten schiebt Kelian Bieli zum Anschlusstreffer ein. Angesichts der Torkadenz ist eine Nachfrage bei den Hightech-Wittenbachern angebracht, ob eine Überforderung drohe. «Nein, nein, alles gut. Speicherkapazität ist reichlich vorhanden, und der Akku ist voll.» Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit ärgern sich die Wittenbacher, weil der Innerrhoder Ersatzspieler, der als Linienrichter fungiert, ein «Out» anzeigt und den aussichtsreichen Gästevorstoss stoppt. «Gib mir eine E-Mail-Adresse, dann schicke ich dir das Video. Der Ball war nie draussen», meint der Kameramann. Dessen Laune bessert sich, als Andrej Hörler nach einer Stunde das nächste Penaltyfoul begeht und Patrick Brülisauer den Ausgleich erzielt.

Der Krampf kommt beim Jubel

Beide Teams sind zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison noch auf der Suche nach Stilsicherheit und Konstanz. Aber die Partie ist spannend und umstritten. Bis am Schluss wird die Zahl der Verwarnungen auf acht anwachsen; allein sechs sind es in der letzten halben Stunde. Der Gast erspielt sich Feld- und Chancenvorteile. Einmal wehrt der Appenzeller Torhüter waghalsig ab, einmal klärt Andrej Hörler in extremis. Als Andreas Rusch eher ungeschickt als bösartig einen Wittenbacher zu Fall bringt, ist in der dritten Nachspielminute der vierte Elfmeter fällig: Luca Brülisauer freut sich über das 3:4 und muss sich nach dem Torjubel mit Krampferscheinungen behandeln lassen.

Die Resultate der übrigen Appenzeller Teams

Die 1.-Liga-Frauen des FC Bühler holten beim 0:0 gegen Schwyz den ersten Punkt, jene des FC Appenzell verloren gegen Baar trotz einer Zweitoreführung 3:5. In der 2. Liga der Männer unterlag Herisau zu Hause Abtwil-Engelburg 2:3; in der 3. Liga spielt Teufen erst am Dienstag bei Besa. In der 4. Liga verlor Speicher bei der zweiten Mannschaft von Neukirch-Egnach 2:5, Heiden musste sich von Rheineck 0:5 geschlagen geben, Urnäsch trennte sich zu Hause von Amriswils dritter Mannschaft 3:3. Bühler-Teufen 2 ist nach dem 1:0 auswärts gegen Brühl 3 in der 5. Liga nach zwei Spielen noch ohne Gegentor und Punktverlust. (pf)

«Gut gekämpft, Jungs!», muntert ein enttäuschter Captain Andrej Hörler seine Appenzeller Kollegen nach dem Schlusspfiff auf. Trainer Alexandro Isler meint: «Wir haben alles reingeworfen, bald werden wir für den Einsatz belohnt.» Die Videocrew holt die Kamera herunter, packt die Ausrüstung zusammen. Eine Woche vorher haben sich die Wittenbacher im Cup über den ultraspäten Ausgleich des Zweitligisten Arbedo und die 1:2-Niederlage nach Verlängerung genervt. Diesmal sind die letzten Filmszenen für sie erfreulicher.