Steuerwettbewerb
Steuerexperte der Beraterfirma KPMG warnt: Gewinnsteuern sinken weiter, der Schweiz entgehen Milliarden – ausgerechnet in der Krise

Steuersenkungen in Kantonen lassen die durchschnittlichen Gewinnsteuersätze weiter sinken. Damit entfernt sich die Schweiz noch weiter vom international angepeilten Mindestsatz von 15 Prozent.

Peter Walthard
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Steuerparadies Zug: Nur klassische Offshore-Standorte sind für Unternehmen günstiger. (Symbolbild)

Steuerparadies Zug: Nur klassische Offshore-Standorte sind für Unternehmen günstiger. (Symbolbild)

Keystone

Letztes Jahr betrug der durchschnittliche Gewinnsteuersatz für Unternehmen in der Schweiz 14,9 Prozent. In diesem Jahr werden es noch 14,7 Prozent sein. Das schreibt das Unternehmen KPMG in seinem am Dienstag erschienenen Swiss Tax Report 2022. Grund dafür sind laut den Wirtschaftsprüfern Steuersenkungen in den Kantonen Aargau (-1,1 Prozentpunkte), Wallis (-1,6) und Jura (-1), wobei die Aargauer Steuersenkung noch die Volksabstimmung vom 15. Mai überstehen muss.

Damit entfernt sich die Schweizer Steuerrealität noch weiter vom angepeilten globalen Mindeststeuersatz von 15 Prozent. Dieser ist von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beschlossen worden. Erste Elemente dieser globalen Steuerreform sollen schon 2023 in Kraft treten. Damit wird die Schweiz erst recht unter Zugzwang geraten: Derzeit erfüllen nämlich 18 von 26 Kantonen den Mindeststeuersatz nicht, so der KPMG-Report.

2,5 Milliarden Steuergeld könnten ins Ausland abfliessen

Damit droht dem Schweizer Fiskus Geld durch die Lappen zu gehen. Denn sind die Steuern in der Schweiz tiefer als 15 Prozent, wird die Differenz zum OECD-Steuersatz einfach im Ausland fällig. Der Bund rechnet mit bis zu 2,5 Milliarden Franken, die von Schweizer Unternehmen in ausländische Steuerkassen fliessen könnten, wenn das inländische Steuersystem nicht rechtzeitig OECD-konform angepasst wird.

Angesichts der Pandemiefolgen und der anstehenden Herausforderungen sollte die Schweiz nicht auf dieses Geld verzichten, warnt denn auch KPMG-Steuerexperte Olivier Eichenberger in der Mitteilung. Doch das politische System der Schweiz ist einer schnellen Reaktion nicht förderlich: Derzeit ist die entsprechende Anpassung auf Bundesebene für 2024 geplant. Darüber muss aber erst noch das Volk abstimmen. Der Urnengang ist für nächstes Jahr geplant.

Steuerreform wird Prioritäten verschieben

Die Einführung der OECD-Mindeststeuer werde den internationalen Wettbewerb grundlegend verändern, schreibt denn auch die KPMG. «Länder wie die Schweiz sind stark gefordert, ihre anderen Standortfaktoren wie den Zugang zu Fachkräften oder flexible Arbeitsmarktbedingungen gezielt zu pflegen», wird Stefan Kuhn, Leiter der Steuer- und Rechtsberatung von KPMG, in der Mitteilung zitiert.

Die aktuell tiefsten Gewinnsteuersätze für Unternehmen finden sich nach wie vor in den Zentralschweizer Kantonen sowie in Glarus und in Appenzell-Innerrhoden. Den tiefsten Satz hat mit 11,9 Prozent der Kanton Zug. Im internationalen Steuerwettbewerb würden diese Tiefsteuerkantone nur noch von klassischen Offshore-Domizilen, Guernsey, Katar und einigen Balkanstaaten unterboten, schreibt KPMG im Swiss Tax Report. Wichtigster Konkurrent der Schweiz bleibe Irland.

Genf ist für Spitzenverdiener doppelt so teuer wie die Innerschweiz

Auch bei den Spitzeneinkommen zeichnet sich ein Rückgang ab, und zwar von 33,7 auf 33,5 Prozent beim Steuersatz. Hier sind Steuersenkungen in den Kantonen Schwyz (-1,5 Prozentpunkte), Schaffhausen (-1,0 Prozentpunkt) sowie Thurgau und Luzern (je - 0,6 Prozentpunkte).

Und auch hier führt Zug das Ranking an. Spitzeneinkommen werden im Tiefsteuerkanton nur mit 22 Prozent versteuert. Und auch in Appenzell-Innerrhoden und Obwalden liegt der entsprechende Spitzensteuersatz unter 25 Prozent. Zum Vergleich: In Genf müssen Spitzenverdiener 44,8 Prozent ihres Einkommens an den Staat abliefern.

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