Pferdevirus EHV-1
Gestoppte Turniere, abgeriegelte Ställe:«Die Menschen sind Corona geschädigt – Herpes bei Pferden gab es schon immer», sagt Tierspital-Professor

Der Herpesvirus-Ausbruch im Pferdesport spaltet die Reiterszene. Pferdebesitzer verfallen in Hysterie, der Verband sagt Turniere ab, Ställe werden verbarrikadiert. Anton Fürst, Professor am Tierspital Zürich, hält dagegen und versucht zu relativieren.

Gina Kern
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Anton Fürst, Direktor Klinik für Pferdechirurgie

Anton Fürst, Direktor Klinik für Pferdechirurgie

Zvg / zvg

«Leotie geht es besser», schreibt die Zuger Springstallbesitzerin Tina Pol auf Instagram. Die 10-jährige erfolgreiche Hannoveraner-Stute Namens Leotie wird im Tierspital Zürich in einem Netz gestützt, damit sie nicht umfällt. Sie leidet am gefährlichen EHV-1-Virus, einem Herpesvirus, das neurologische Störungen verursachen und bis zum Tod führen kann. Die Besitzerin Tina Pol macht sich grosse Sorgen. Denn Leotie ist nicht das einzige Springpferd im Stall der Zugerin, das am Herpesvirus erkrankt ist. Es sind derweil acht Tiere.

Pol ist im Januar mit neun Sportpferden an die «Spring Tour» nach Valencia gereist - eine mehrwöchige Veranstaltung. Dort ist im Januar eine Herpesvirusinfektion ausgebrochen, bisher vermeldete der Internationale Pferdesportverband FEI deren zwölf tote Pferde. Die Tiere werden eingeschläfert, wenn sie sehr schwere neurologische Störungen entwickeln und nicht mehr aufstehen können. Bei den Pferden von Pol ist die Erkrankung erst Tage später zu Hause ausgebrochen.

Kein Herpes-Virus-Ausbruch in der Schweiz

Das Herpesvirus hat sich – durch die vielen Rückkehrer aus Spanien und Portugal – auf weitere Länder ausgedehnt. Die FEI verhängte am 1. März zunächst einen Turnierstopp bis Ende Monat und verlängerte diesen nun bis Mitte April. Der Schweizerische Verband für Pferdesport SVPS stoppte vorerst alle Turniere bis Ende März. Die Massnahme ist in der Schweiz umstritten.

Valencia war das erste Turnier der beiden: Die erfolgreiche Stute Leotie unter ihrem Reiter Christophe Könemann vor dem Herpesausbruch.

Valencia war das erste Turnier der beiden: Die erfolgreiche Stute Leotie unter ihrem Reiter Christophe Könemann vor dem Herpesausbruch.

iSportphoto

Die wertvolle und im Sport bereits sehr erfolgreiche Stute Leotie von Tina Pol wird im Tierspital in Zürich von Professor Anton Fürst intensiv betreut. Er relativiert die akute Herpes-Situation im Land: «Wir haben keinen Herpesausbruch in der Schweiz. Die heute kranken Pferde sind aus Valencia nach Hause gekommen und wurden sofort isoliert. Es hat keine Übertragung stattgefunden. Darum gibt es in der Schweiz keinen Grund, in Hysterie auszubrechen.»

Ein Virus, das die Pferde tötet - eine grauenhafte Vorstellung. Die Bilder aus den Stallzelten von Valencia erschüttern: Masken, Schutzanzüge, Hygiene. Wie Corona ist das Herpesvirus auch über die Luft ansteckend. Tina Pol vergleicht denn auch ihren eigenen Isolations-Stall mit einer Corona-Intensivstation: «Wir gehen nur mit Schutzanzügen in den Stall, verbrennen den Mist, das Wasser muss abgesogen und speziell entsorgt werden. Es ist der absolute Albtraum.» Eine Impfung nütze nur bedingt.

Tina Pol links, hier ein Archivbild von 2014.

Tina Pol links, hier ein Archivbild von 2014.

Neue Zuger Zeitung

Coronavirus hat die Reiter sensibilisiert

Professor Anton Fürst ärgert sich etwas über die Hysterie, die im Breitensport nun ausgebrochen ist: «Turniere zu verbieten, ist nicht erforderlich. Es gibt Stallbesitzer, die sperren ihre Ställe zu. Das ist nicht nötig!» Denn Herpes-Ausbrüche, auch des Typs EHV-1 habe es immer schon gegeben. Fürst: «Rund 80 Prozent aller Tiere machen eine Herpesvirusinfektion einmal durch. Wir haben jedes Jahr einige Fälle.» Das Corona-Virus hat die Reiter sensibilisiert: «Es hat die totale Corona-Schädigung der Menschheit stattgefunden», so Fürst.

Klar sei es schlimm, dass die Tiere sterben können und es müsse auch alles unternommen werden, um dies zu verhindern. Und klar, sei der Ausbruch in Valencia besonders dramatisch, weil es viele Tiere betreffe, so der Klinikleiter des Tierspitals Zürich.

Im Pferdesport geht es, nebst den vielen Emotionen auch um viel Geld. Erfolgreiche Springpferde sind wertvoll und werden auch mal im Millionenbereich gehandelt.

Schweizerischer Verband für Pferdesport bleibt gelassen

Stéphane Montavon ist der Chef-Tierarzt der Armee. Er widerspricht den Aussagen von Professor Fürst. Montavon sagt: «Es ist richtig, alle Turniere bis Ende März abzusagen.» Und ab April sollen die Turniere wieder aufgenommen werden? «Im Moment kann ich in der heutigen Situation dies nicht befürworten».

Was nun? Beim Schweizerischen Verband für Pferdesport SVPS bleibt man ruhig. Man will die Entwicklung der Lage abwarten. Ende März wird entschieden, ob die Turniere im April stattfinden können. Die Frage ist dann aber wohl eher, ob es der Bundesrat zulässt. Bis dann ist auch Leotie hoffentlich wieder gesund.