Toxizitätstest
Fischzellen statt Tierversuche: Neuer Gift-Test für Chemikalien

Die Eawag hat einen neuen Toxizitätstest mit gezüchteten Fischzellen entwickelt. Damit braucht es keine Versuche an lebenden Fischen. Nun gibt das OECD grünes Licht für das Verfahren.

André Bissegger
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Die für den Test verwendeten Zellen stammen von der Regenbogenforelle.

Die für den Test verwendeten Zellen stammen von der Regenbogenforelle.

Eawag/Andreas Hartl

An Fischen wird geprüft, ob Chemikalien, die in Alltagsprodukten, der Landwirtschaft oder Industrie eingesetzt werden, für den Markt zugelassen werden dürfen und ob sie für Mensch und Natur unbedenklich sind. Tausende Fische sterben so jährlich für diese Toxizitätstests. Allein in der Schweiz wurden im Jahr 2019 für ökotoxikologische Tests Versuche an knapp 8000 Fischen durchgeführt – zu viel, findet das Wasserforschungsinstitut Eawag. Es hat daher in den letzten Jahren ein neues Testverfahren entwickelt, das ohne Tierversuche auskommt.

Nun wurde dieser sogenannte Fischzelllinientest von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) als neuste Leitlinie im Bereich der Umwelttoxikologie freigegeben. Das teilte die Eawag am Donnerstag mit. Damit sei der Weg frei für Unternehmen und Behörden auf der ganzen Welt, die Umwelttoxizität von Chemikalien zu bestimmen, ohne dabei auf Tierversuche zurückgreifen zu müssen.

Kristin Schirmer erklärt, wie der Test funktioniert.

Youtube / Eawag

Das Verfahren beruht auf isolierten Kiemenzellen von Regenbogenforellen und ist gemäss Eawag die weltweit erste Alternative zu Versuchen mit lebenden Fischen. In der Natur kommen die Kiemen durch ihre grosse Oberfläche im Fisch als erstes mit einer Chemikalie in Kontakt. Werden die Kiemenzellen durch die Chemikalie beschädigt, werden für den Fisch lebenswichtige Funktionen wie die Sauerstoffzufuhr beeinträchtigt. Durch das Beobachten der Kiemenzellen können die Forschenden daher vorhersagen, wie sich die Chemikalie auf einen lebenden Fisch auswirken würde.

Grosses Interesse vonseiten der Industrie

«Es besteht seitens der Industrie ein grosses Interesse an tierversuchsfreien Tests», wird Kristin Schirmer, Abteilungsleiterin an der Eawag, in der Mitteilung zitiert. Sie hatte die Idee zu dieser In-vitro-Methode bereits während ihrer Doktorarbeit Mitte der 1990er-Jahre und trieb die Entwicklung zusammen mit Melanie Fischer von der Eawag federführend voran. Der Grund: Nicht nur die Ansprüche an die Umweltrisikobewertung nehmen zu, sondern auch die Anzahl neuer Chemikalien und Produkte, die getestet werden müssen. Zudem schone der Fischzelllinientest Ressourcen, da die Miniaturisierung Chemikalien, Wasser und Zeit einspare.

Schirmer geht nun davon aus, dass auch die Zulassungsbehörden wie die US EPA den Fischzelllinientest zunehmend als gleichwertigen Ersatz zum regulären Fischtest akzeptieren werden. «Die OECD-Empfehlung war der letzte wichtige Schritt von unserer Seite, nachdem unsere Methode vor zwei Jahren bereits von der ISO zertifiziert wurde», sagte sie. «Damit dürfte einem tierversuchsfreien Zulassungsverfahren nichts mehr im Wege stehen.»

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