Comedy
Hazel Brugger: Zwischen vollen Windeln und Pferden, die Drogen nehmen

Der Schweizer Comedystar Hazel Brugger hat ein neues Programm. Dabei thematisiert sie auch das «Mami-Sein». Schont aber weder Kind noch Ehemann.

Michael Graber
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Die Schweizer Comedienne Hazel Brugger zeigt ihr neues Programm «Kennen Sie diese Frau?» im Kaufleuten in Zürch.

Die Schweizer Comedienne Hazel Brugger zeigt ihr neues Programm «Kennen Sie diese Frau?» im Kaufleuten in Zürch.

Sandra Ardizzone / KUL

Am Ende, als der Abend nach gut gefüllten 100 Minuten auf die Zielgerade einbiegt, kommt sie plötzlich noch. Die Message. Also zumindest ein bisschen. Unter keinen Umständen, so Hazel Brugger, solle man Eltern, die gerade hoffnungslos überfordert sind mit ihrem Goof, damit trösten, «dass später alles noch viel schlimmer wird». Frischgebackene Eltern würden oft Sätze wie «was, das nennst du streng? Wart’s nur ab…», zu hören bekommen.

Mit der Aussicht auf kommendes Elend lasse sich derzeitiges Elend nicht mildern, schlussfolgert Brugger und – nun kommt die Pointe – «du sagst einem glücklichen Menschen ja auch nicht ‹das nennst du glücklich? Da kommt imfall noch viel mehr.›» Wer fröhlich ist, der habe das Recht, fröhlich zu sein, und wer traurig sei, der dürfe auch traurig sein – «auch wenn das natürlich ziemlich scheisse ist.» Es ist eben beides nicht selbstverständlich, sagt uns Brugger am Montag im Zürcher Kaufleuten, und vor allem auch nicht durch allerlei Ratschläge veränderbar. Weder die Traurigkeit noch die Fröhlichkeit.

Auf der Fröhlichkeitsskala belegt ein Abend mit Hazel Bruggers neuem Programm «Kennen Sie diese Frau?» eine 8. Von 10. Die Zürcherin ist unglaublich schlagfertig, und es ist beeindruckend, wie sie beiläufig Geschichten erzählt, die immer mehr auswuchern und dann doch irgendwie zum Ausgangspunkt zurückkommen. Da verbindet sich der Gang zum Gastro-Grossisten mit einer Tirade über eher kurz gewachsene Frauen und einer fabelhaften Fabel über Crystal Meth rauchende Pferde, die sich durch den Drogenkonsum in Esel verwandeln.

Interaktion mit dem Publikum

Klingt komisch? Ist komisch. Wenn anfänglich der Motor bei ihrem neuen Programm noch etwas stottert, nimmt Brugger mehr und mehr Fahrt auf. Das Tempo ist horrend, der rote Faden mehr eine Ahnung, die Bögen nicht immer rund. Müssen sie auch gar nicht. Brugger, auch bekannt als «böseste Frau der Schweiz», macht die Ruhelosigkeit zum Prinzip. Noch sitzen nicht alle Pointen, noch holpert es da und dort, und trotzdem ist das Talent der 27-Jährigen in jeder Minute spürbar.

Unübertroffen ist sie in der Interaktion mit dem Publikum. Pierre in der ersten Reihe muss einige Details aus seinem Leben preisgeben. So segelt der rüstige Senior gerne, seine älteste Tochter ist 40, und seine Frau leidet unter Zöliakie – wie Brugger auch. Schwestern im Darm. Wie locker die Komikerin Witze über ihren eigenen Durchfall macht, ohne dabei die Fäkal-Grenze unnötig zu überschreiten, sollte als Lehrvideo in Komikerschulen für die Nachwelt festgehalten werden.

Vielleicht war es am Montagabend etwas gar viel Nachwelt. Hazel Brugger und ihr Mann Thomas Spitzer («Er ist Deutscher und sieht so unglaublich wie ein Deutscher aus, es ist fast ein Klischee») sind unlängst Eltern einer öffentlich namenlosen Tochter geworden. Und, durchaus nachvollziehbar, ist das Kind Fixpunkt im Leben und Programm. Brugger berichtet über explodierende Brüste, vollgekotzte Betten und vor allem über Schlaflosigkeit. Unnötigen Welpenschutz erhält ihre Tochter dabei nicht, und sie trägt auch nicht zu einer gesteigerten Versöhnlichkeit bei. Brugger bleibt böse und schont dabei auch die eigene Familie nicht.

Plötzlich in der dritten Person über sich sprechen

Ein bisschen eine Überdosis von diesem «Mami-Sein» gibt es am Montag schon. Bruggers Tochter ist bald sechs Monate alt, und noch ist vieles neu, jede gefüllte Windel ein Ereignis. Deutlich lustiger ist es, wenn sie erzählt, was dieses «Mami-Sein» mit ihr macht. «Ich dachte immer, ich sei dann so eine coole Mutter und ganz sicher keine, die von sich selbst in der dritten Person als ‹Mami› spricht – ich lag in beiden Punkten komplett falsch», entlarvt sie sich selber.

Vielleicht ist dies die Kunst am Elternwerden: Trotz «Mami-Sein» auch «Hazel-Bleiben» (und natürlich auch «Thomas-Bleiben»). Und das gelingt ihr. Das ist nicht selbstverständlich. Zumal man ihr bei all diesen verzweifelten Episoden aus dem Baby-Leben zurufen möchte, dass später alles... Ach, lassen wir es besser.

Weitere Tourdaten: www.hazelbrugger.com

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