Nach Freilassung in Weissrussland
Natallia Hersche: «Die Schweiz hat sehr viel für mich gemacht»

Nach ihrer Freilassung vor zehn Tagen äussert sich die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin Natallia Hersche ausführlich zur Haft im Kerker von Langzeitherrscher Lukaschenko. Und sie dankt dem Bund.

Samuel Thomi
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Nach ihrer Freilassung die Rückkehr in die Schweiz: Natallia Hersche am Freitag, 18. Februar, am Flughafen Zürich.

Nach ihrer Freilassung die Rückkehr in die Schweiz: Natallia Hersche am Freitag, 18. Februar, am Flughafen Zürich.

Bild: Keystone

17 Monate sass Natallia Hersche wegen der Teilnahme an einer friedlichen Frauendemonstration in Weissrussland in Haft. Sie war dafür von dem Regime zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Nach ihrer vorzeitigen Freilassung und der Heimkehr in die Schweiz vor zehn Tagen hat die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin der «NZZ am Sonntag» ein ausführliches Interview gegeben und dabei über die dunkelste Zeit ihrer Gefängnisstrafe geredet.

Weil sie keine Kleider für das Regime von Langzeitherrscher Alexander Lukaschenko nähen wollte, musste Natallia Hersche 46 Tage in Einzelhaft. Sie sagt:

«Die Zeit im Karzer war das Schlimmste, das ich erleben musste, es war Folter.»

Im engen Raum sei es sehr kalt und feucht gewesen. Schlafen musste Hersche auf einem Holzbett ohne Matratze und Decke. Und auch danach habe sie nicht mitgemacht beim Nähen: «Dann hätte ja das Regime gewonnen», sagt Hersche. In schweren Momenten habe ihr zudem der Glaube geholfen. Und der Glaube daran, dass sie unschuldig ist. Aus diesem Grund habe sie vor bald einem Jahr schliesslich auch darauf verzichtet, ein Gnadengesuch zu unterschreiben.

«Es fühlte sich an, wie ein Austausch»

Um sich aufzuwärmen, begann Natallia Hersche im Karzer, an Ort und Stelle zu joggen. Ihre Freilassung, die durch monatelange diplomatische Bemühungen der Schweiz zustande kam, sieht sie im Rückblick jedoch mit gemischten Gefühlen. «Zu Beginn war es für mich nicht einfach, dies zu akzeptieren», sagt Hersche. «Es fühlte sich an, wie ein Austausch: Die Schweiz anerkennt Lukashenko und im Gegenzug komme ich frei.»

Sie habe dann aber «umdenken» müssen, erzählt die St.Gallerin im Interview weiter:

«Ich wollte freikommen, aber nicht um jeden Preis.»

In der ganzen Zeit im Kerker von Weissruslands Langzeitherrscher habe die Schweiz «sehr viel für mich gemacht.» Hersche plant nun, sich in der weissrussischen Opposition zu engagieren. Dabei will sie auch die Geschichte ihrer Gefangenschaft erzählen. «Ich denke, das ist nun eine wichtige Aufgabe, die ich habe.»

Schweiz: «Es gab keinen Deal»

Vertreter des Eidgenössischen Aussendepartements (EDA) in Bern betonten nach der Heimkehr der 52-Jährigen, die Schweiz habe für die vorzeitige Freilassung Natallia Hersches keinen Handel eingehen müssen. «Es gab keinen Deal», sagte Johannes Matyassy, stellvertretender Staatssekretär im EDA. Hersche sei ohne Bedingungen freigelassen worden.

Natallia Hersche wurde laut EDA insgesamt 14 Mal von Vertretern der Schweizer Botschaft in Haft besucht. Zuletzt war die gebürtige Weissrussin im September vergangenen Jahres in ein Gefängnis verlegt worden, welches für seine harten Haftbedingungen berüchtigt ist. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen hatten die Verhaftung, Verurteilung und Inhaftierung der Demokratieaktivistin immer wieder kritisiert. Das Gerichtsverfahren nannten sie einen «unfairen Schau-Prozess».