Massnahmen
Verbände wollen Städte bei flächendeckendem Tempo 30 ausbremsen

In den Städten wird Tempo 30 immer mehr zur Regel. Dagegen wehrt sich nun der Touring Club Schweiz. Er fordert ein «differenziertes Geschwindigkeitsregime».

Michael Graber
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In vielen Städten gibt es derzeit immer mehr Tempo-30-Zonen.

In vielen Städten gibt es derzeit immer mehr Tempo-30-Zonen.

Keystone

Viele Städte geben derzeit Gas: Immer mehr Strassen werden zu Tempo-30-Zonen. Dem Touring Club Schweiz (TCS) geht das zu weit. Zusammen mit anderen Verbänden hat er drum am Dienstag zur Medienkonferenz geladen, um der grassierenden Tempo-Reduktion ein paar Bremsklötze in den Weg zu legen. Der TCS spreche sich für «ein differenziertes Geschwindigkeitsregime» aus, heisst es in einer Mitteilung.

Damit meint der TCS, dass generelles Tempo 30 nicht angezeigt sei. Es sei wichtig, dass die «Hierarchie des Strassennetzes» eingehalten werde. «Jeder Strassentyp hat eine ganz bestimmte Funktion die respektiert werden muss, um die Funktionalität des gesamten Netzes zu gewährleisten», sagt Peter Goetschi, Zentralpräsident des TCS. Auf verkehrsorientierten Strassen müsse weiterhin Tempo 50 gelten, schlussfolgert der Mobilitätsclub.

Lärmliga wehrt sich gegen Angriff auf Tempo 30 Zonen

Während der TCS Tempo 30 fürchtet, begrüsst die Lärmliga die Temporeduktion. «Ein erprobtes, nachgewiesenermassen effektives Mittel zur Verminderung der Lärmbelastung ist Geschwindigkeitsreduktion», heisst es in einer Mitteilung vom Dienstag. Unter Lärm würden zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer leiden. Aus diesem und weiteren Gründen schreibt die Lärmliga: «Es gibt keinen Grund, auf Tempo 30 zu verzichten, aber viele Gründe, Tempo 30 umzusetzen.» (mg)

Um die eigene Meinung zu untermauern, hat der TCS eine Meinungsumfrage durchführen lassen. Insgesamt befragte das Institut Link 1163 Personen. Und die Ergebnisse sind ganz im Sinne des Auftraggebers: «68 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer lehnen eine generelle Einführung von Tempo 30 innerorts ab», heisst es in der Mitteilung. «Fast drei Viertel der Bevölkerung (73 Prozent) möchten, dass Tempo 30 nur auf siedlungsorientierten Strassen (zum Beispiel Wohnvierteln) gilt», steht da weiter. Also exakt die vom TCS favorisierte «Differenzierung».

Die Feuerwehr kommt mit Verspätung

Mit seiner Kritik steht der TCS aber nicht alleine da. An der Medienkonferenz äusserten sich auch der Informationsdienst für den öffentlichen Verkehr (Litra), der Schweizerischer Feuerwehrverband (SFV) und der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) gegen flächendeckendes Tempo 30. Für Martin Candinas, Präsident des Litra, würde «eine allgemeine Einführung von Tempo 30 auf den Hauptachsen der Städte und Agglomerationen einen negativen Effekt auf die Nutzung des öffentlichen Verkehrs haben.»

Gar von einem Rückstand beim Kampf gegen die Feuersbrunst spricht Laurent Wehrli, Präsident des SFV: «In unserem Beruf zählt jede Minute, um Leben zu retten, und eine allgemeine Einführung von Tempo 30 in Ortschaften wird unweigerlich unsere Einsatzzeit verlängern.» Das sei «klar zum Nachteil der Opfer, die sich auf die Notdienste verlassen», so Wehrli. Etwas angriffiger gegen die bremsenden Städte zeigte sich Fabio Regazzi, Präsident des SGV: «Die Stadtbewohner vergessen manchmal, dass die von ihnen im Stadtzentrum gekauften Produkte und Dienstleistungen zum allergrössten Teil auf der Strasse transportiert werden und dass die Lieferzeit ein entscheidender Faktor bei der Festlegung des Endpreises ist.»

Trotzdem, und damit zurück zur Umfrage, eine deutliche Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer (59 Prozent) ist der Ansicht, dass es innerorts zu wenige Tempo-30-Zonen gibt. Dabei ist der Wunsch nach einem Ausbau von Geschwindigkeitsbegrenzungen bei der Landbevölkerung sogar ausgeprägter als bei jener in der Stadt.