Gehörlose
Gebärdensprache: Bundesrat findet rechtliche Anerkennung nicht zwingend

In der Schweiz ist die Gebärdensprache bislang rechtlich nicht ausdrücklich anerkannt. Nach Ansicht des Bundesrates bleibt dies vorerst so, er erachtet eine rechtliche Anerkennung nicht als zwingend. Der Gehörlosenbund zeigt sich enttäuscht.

Dario Pollice
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Der Schweizerische Gehörlosenbund SGB-FFS strebt weiter eine rechtliche Anerkennung der Gebärdensprachen an. (Symbolbild)

Der Schweizerische Gehörlosenbund SGB-FFS strebt weiter eine rechtliche Anerkennung der Gebärdensprachen an. (Symbolbild)

Keystone

In der Schweiz leben rund 10'000 Menschen, die von Geburt an gehörlos sind. Viele von ihnen benutzen eine der drei einheimischen Gebärdensprachen: die Deutschschweizer Gebärdensprache, die Langue des signes française und die Lingua italiana dei segni. Doch die Gebärdensprache ist hierzulande weder auf Verfassungs- noch auf Gesetzesebene ausdrücklich verankert, im Gegensatz zu den meisten europäischen Staaten.

Deshalb verlangten vier gleichlautende Postulate vom Bundesrat, er soll in einem Bericht aufzeigen, ob eine rechtliche Anerkennung dieser Sprachen möglich ist. Nun liegt der Bericht vor. Demnach ist für den Bundesrat eine Anerkennung der schweizerischen Gebärdensprachen «keine zwingende Voraussetzung, um die soziale Teilhabe von hörbehinderten und gehörlosen Menschen weiter zu verbessern», wie es im am Freitag publizierten Bericht heisst.

Stattdessen liessen sich die bestehenden Ansätze im Sinn einer «tatsächlichen Anerkennung» der Sprache und Kultur der Gehörlosen weiterentwickeln und stärker sichtbar machen. Ein geeigneter Rahmen dafür sei etwa die Behindertenpolitik des Bundesrats. Die Landesregierung hat das Innendepartement (EDI) beauftragt, den Dialog mit den Organisationen der Gehörlosen sowie den Stellen des Bundes und der Kantone auszubauen und Verbesserungsmöglichkeiten zu prüfen.

Gebärdensprache war lange verboten

Für den Schweizerischen Gehörlosenbund geht dies zu wenig weit. Er nimmt den Bericht «enttäuscht zur Kenntnis», wie er in einer Stellungnahme schreibt. Trotz bestehender Massnahmen würden gehörlose und hörbehinderten Menschen im Alltag immer noch zahlreiche Diskriminierungen erfahren. «Nur die rechtliche Anerkennung der Gebärdensprachen kann die Situation verbessern», schreibt der Gehörlosenbund weiter. Der Verband möchte nun die vorgeschlagenen Verbesserungsmöglichkeiten analysieren und weiter für eine rechtliche Anerkennung der Schweizer Gebärdensprachen kämpfen.

Gehörlose und hörbehinderte Menschen wurden von der Gesellschaft lange benachteiligt und ausgegrenzt. Lange Zeit galt auch die Gebärdensprache als eine minderwertige Form der Kommunikation und wurde 1880 in vielen Ländern Europas verboten. Anlässlich des Internationalen Tages der Gebärdensprachen entschuldigten sich am Donnerstag die Gehörlosenschulen in der Deutschschweiz und der Schweizerische Hörbehindertenverband Sonos offiziell für die Unterdrückung der Gebärdensprache.

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