Pro und Contra
«Irrweg Tierversuch» oder «absolut verantwortungslos»: Die Debatte zur Tierversuchsinitiative

Für die Initianten sind Tierversuche ein Irrweg. Die Gegner warnen vor einem Verbot. Wir lassen beide Seiten zu Wort kommen: Initiantin Irene Varga und SVP-Nationalrätin Verena Herzog.

Irene Varga, Verena Herzog
Drucken

Pro: «Tierversuche stoppen – Forschung toppen»

Irene Varga, Co-Präsidentin IG Tierversuchsverbots-Initiative CH

Irene Varga, Co-Präsidentin IG Tierversuchsverbots-Initiative CH

Urs Bucher

Wer ein Auto Probe fährt, rechnet nicht mit Pannen. Pannenfreiheit erwarten auch Teilnehmende an einem Menschenversuch – genannt klinische Studie. Vergebens. Die Realität ist erschreckend anders: die überwiegende Mehrzahl der Substanzen, welche nach Tierversuchen als erfolgsversprechend eingestuft werden, versagen im Menschenversuch und dürfen nicht auf den Markt.

Der Grund solcher gravierenden Fehlleistungen: man vertraut dem Irrweg Tierversuch. Es werden gigantische Ressourcen vertan mit Forschung an speziesfremden Zellen und Tieren, statt dass sie deutlich in die patientennützlichen Ansätze wie individualisierte Medizin, virtueller Patient, Selbstheilung und vieles mehr investiert werden würden. Die Medizinbranche kümmert dies wenig, solange Konsumenten und Gerichte den Produkten und Abläufen vertrauen.

Tierversuche retten nicht vor Pannen: Sogar Skandalsubstanzen wie Rofecoxib (VIOXX) oder Thalidomid (Contergan) oder ihre Derivate (z.B. Lenalidomid) sind zurück oder in der Vorbereitung dazu. Dies hängt nur am Rande damit zusammen, dass man in der Medizin langsam Einsicht entwickelt, welche die Schuhbranche schon früh erlangte: Schuhgrösse 42 passt nicht allen, aber einigen hervorragend.

So verhält es sich mit Medikamenten und der empfohlenen Dosis. Was immer man anwendet, es muss zum Nutzenden, zu seinem Genom, Epigenom, seinem physiologischen Zustand und zu seiner Darmflora etc. passen.

Wo individuelle Unterschiede ignoriert werden, wundert man sich darüber, dass sich Studien widersprechen und Heilungen ausbleiben. Längst jedoch müssten alle wissen, dass selbst eineiige Zwillinge von je eigenen Rezepten profitieren. Wie sollten da Hund, Katz, Maus & Co der bessere Ratgeber sein?

«Es gibt nur zwei Gründe, für Tierversuche zu sein: man verdient daran, oder man weiss zu wenig darüber.» nach Dr. med. Werner Hartinger.

Contra: «Verzicht auf Tierversuche: Ein Wahnsinn!»

Verena Herzog, Nationalrätin SVP/TG

Verena Herzog, Nationalrätin SVP/TG

Alessandro Della Valle / KEYSTONE

Das Tierwohl liegt zu Recht vielen Menschen am Herzen. Die vorliegende Initiative fordert jedoch ein bedingungsloses Verbot von Forschung an Menschen und Tieren, sowie ein komplettes Importverbot sämtlicher Produkte, die unter Anwendung von Tierversuchen entwickelt wurden.

Neue Medikamente und Therapien, die Leiden lindern sowie Leben retten, würden nur noch denjenigen zur Verfügung stehen, die sich Auslandreisen leisten können. Eine Zweiklassenmedizin wäre vorprogrammiert. Zudem würde der Forschungs- und Wirtschaftsstandort Schweiz massiv gefährdet. Dies ausgerechnet in einer Zeit, die durch Gesundheitsherausforderungen geprägt ist!

Auch wenn bereits heute mit alternativen Methoden viele Versuche anderweitig durchgeführt werden können, ist für die Entwicklung und Prüfung von Medikamenten und Impfstoffen die Erforschung sowohl an Menschen wie auch am Tier meist unabdingbar. So gibt es in der Krebs- und Demenzforschung oder in der Chirurgie oft keine Alternative zum Versuch am lebenden Organismus. Es mutet heuchlerisch an, nur noch auf Reagenzglas-Methoden zu setzen und es wäre absolut verantwortungslos, auf neue, erfolgreiche Medikamente zu verzichten oder diese im Blindflug anwenden zu wollen? Ein Wahnsinn!

Die Schweiz hat seit 2008 eine der umfassendsten und strengsten Tierschutzgesetzgebungen weltweit. Unsere Forschenden sind moralisch und rechtlich verpflichtet, das 3R-Prinzip (Replace, Reduce, Refine) anzuwenden. Tierversuche werden nur dann bewilligt, wenn keine Alternativmethode existiert, die Anzahl Tiere im Versuch auf das notwendige Minimum beschränkt wird und die Versuchsmethoden und Haltungsbedingungen möglichst wenig belastend sind.

Dadurch konnten die Tierversuche in der Schweiz in den letzten dreissig Jahren um rund 70 Prozent reduziert werden. National- und Ständerat haben die Volksinitiative ohne Gegenstimme abgelehnt, wie dies auch der Bundesrat empfohlen hat. Die direkten und indirekten Folgen wären fatal.

Aktuelle Nachrichten