Pro & Contra
U2-Konzert in einer Metrostation in Kiew: «Mit alten U2-Songs wird der Krieg verkitscht» – «Bono hält uns bloss den Spiegel vor»

Am Sonntag gab der Sänger Bono ein spontanes Konzert in einer Metrostation – in Kiew. Ist das nun geschmacklos oder macht er bloss seinen Job? Ein Pro und Contra.

Anna Miller & Sabine Kuster
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Bono, Frontman von U2, mit dem ukrainischen Sänger Taras Topolia gestern in einer Metrostation in Kiew.

Bono, Frontman von U2, mit dem ukrainischen Sänger Taras Topolia gestern in einer Metrostation in Kiew.

Oleg Petrasyuk / epa

PRO: Falsche Gefühle von alten Popsongs

Jetzt also auch noch der. Bono in einer pink beleuchteten Metrostation. Fünf Lieder bis «Stand By Me». Hier stimmte der ukrainische Sänger Taras Topolia mit ein, der nun Soldat ist. Ein paar ausgewählte Fans und Soldaten hörten zu.

Sabine Kuster.

Sabine Kuster.

Bild: Sandra Ardizzone

Und wir schauen zu. Vom Sofa aus, wie immer in diesem Krieg. Aber so falsch hat es sich noch nie angefühlt, Zuschauer zu sein. Natürlich ist jede noch so inszenierte, symbolische Unterstützung gut für die Ukraine. Mit der emotionalen Musik von U2 funktionierts perfekt. Präsident Selenski weiss das, er hat Bono eingeladen.

Gleichzeitig hat Selenskis Regierungsteam dem Westen genau das schon vorgeworfen: dass wir es uns bequem machen und nur zuschauen, mehrheitlich. Und jetzt schickt er uns aus der Kriegshauptstadt ein Popkonzert.

Natürlich bekam die Lyrik von «Stand By Me» eine tiefere Bedeutung: «Falls der Himmel, zu dem wir aufschauen, einstürzen sollte … Ich werde nicht weinen, solange du zu mir stehst, bleib bei mir.»

Aber für uns Zaungäste wird es damit nur übler. Aus eigener Erfahrung kennen wir nur den melodramatischen Liebeskummer und bisher verstanden wir diese Songzeilen als Liebeslied. Fast trällern wir reflexartig mit «So darling, darling, stand by me …», bis einem wieder einfällt: Es geht um Krieg und bisher mindestens 10000 Getötete.

Vielleicht gibt das Metrokonzert den Ukrainern Kraft, durchzuhalten. Aber uns sollte Selenski das nicht verfüttern. Wir bekommen noch mehr den Eindruck, dass Krieg ein spannendes Youtube-Filmchen ist. Jenen, denen die Realität bewusst ist, wird bei Bonos Auftritt in der Metrostation übel.

Bono weiss zwar als Ire, was Krieg ist. Aber uns sind die Lieder von U2 schon so oft um die Ohren gewabbert, dass es nur Kitsch ist. Wenn Musik Krieg erträglicher machen kann, dann braucht es neue Musik. Als der ukrainische Boom-Box-Sänger Andrij Chlywnjuk vor zwei Monaten im leeren Kiew ein altes Volkslied anstimmte, war ein Moment echter Gänsehaut. (Dass er im April mit Pink Floyd «Hey Hey Rise Up» sang, war erneut ein Sofakonzert für den Westen.)

CONTRA: Was Bono tut, ist bloss logisch

Bono hat in einer U-Bahn in Kiew ein Konzert gegeben und alle regen sich auf. Propaganda sei das, für ihn selbst und für den Krieg. Viele fragen sich: Ist das angemessen? In einen Krieg hineinreisen und dort singen, ist das nun Propaganda und Instrumentalisierung der Kunst?

Anna Miller.

Anna Miller.

zvg

Irritierend, dass diese Diskussion überhaupt geführt wird. Ausgerechnet jetzt. Oder: jetzt erst. War denn in den letzten Wochen und Monaten etwas anders? Haben wir nicht alle längst Partei ergriffen? Mag sein, dass Bono sich inszenieren wollte, doch im Grunde machte ein Musiker auf Kriegsboden nichts anderes als seinen Job, nämlich: Musik. Genau so, wie alle Politikerinnen und Politiker, die das kriegsgebeutelte Land bisher besuchten, ihren Job machten, nämlich: Politik.

Musik gehört zum Menschsein dazu, sie begleitet uns durch schöne und schlimme Zeiten und sie ist, lauschen wir nicht gerade einem seichten Popsong, der bloss dazu geschrieben wurde, um Cash zu machen, auch immer ein Stück weit politisch. Bono ist nun mal Bono, er singt gerne für den Frieden, das ist ja so weit auch nichts Neues.

Vielleicht sind wir auch bloss deshalb so empört, weil Bono uns, als Star und Popfigur, einfach spiegelt, was wir, seit dieser Krieg nun tobt, schon lange tun: ihn betrachten wie in einer Fernsehshow, aus der Ferne, in einem Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie, die sich auch darum dreht, wie wir uns selbst und andere sich in den sozialen Medien inszenieren. Dass diese Logik, die uns jeden Tag in allen Bereichen unseres Lebens begleitet, nun auch in einen Krieg einfliesst, ist bloss logische Konsequenz.

Der ukrainische Präsident weiss ausserdem sehr genau, wie Aufmerksamkeit funktioniert. Sie ist seine stärkste Waffe. Es geht in einem Krieg nie bloss darum, wer die grösseren Panzer, sondern auch immer darum, wer die bessere Geschichte hat. Und wer die Massen berührt. Die einen streuen das Gefühl der Angst, die anderen das Gefühl der Hoffnung. Emotionalisieren tun sie alle.

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