Leserbrief
Werke von Carl Spitteler vernachlässigt

«Robert Walsers zweites Leben», «Zentralschweiz am Sonntag» vom 3. Februar

Merken
Drucken
Teilen

Man verstehe mich nicht falsch: Ich schätze Robert Walsers (1878–1956) Schriften sehr und habe schon mehrere Essays über ihn geschrieben. Aber im selben Monat, in dem Carl Spittelers (1845–1924) grösstes Jubeljahr – nämlich 100 Jahre Literaturnobelpreis (er hat ihn 1920 für 1919 verliehen erhalten) – seit dem eilfertigen Abschluss seiner Werkausgabe durch die Eidgenossenschaft 1958 so richtig beginnt (siehe www.spitteler.ch), ist es schon hart, zu erfahren, dass Walser bereits die dritte Werkausgabe erhält. Vor allem, weil sie alle drei recht sorgfältig ediert sind, nicht wie bei Spitteler, dessen «Gesammelte Werke» voller haarsträubender Fehler stecken. Ich begrüsse also die Argumentation von Lucas Gisin, der kritisch fragt, ob es denn bei Walser wirklich zwei neue Gesamtausgaben sein müssten.

Aber auch hier wird es sein, wie so oft, entgegen dem allgemeinen Glauben: Das Angebot wird die Nachfrage steuern. Denn wie sollen die Leserinnen und Leser von Spitteler etwas lesen, wenn fast nichts mehr greifbar ist, geschweige denn eine kluge Werkausgabe geplant wäre? So fehlen zum Beispiel die spannenden, echt menschlichen Briefe in der Werkausgabe völlig. Da nützt es nichts, wenn Robert Walser selbst ausruft: «Kennen Sie die Dichtungen des Schweizers Karl Spitteler? Gegenwärtig viel von diesem Grossen, Vorbildlichen gesprochen»! (Zitiert nach der neuen «Berner Ausgabe» der Briefe; Brief 865.) Spitteler scheint kein zweites Leben zu erhalten.

Dominik Riedo, Bern, Dr. phil., im Namen des Stiftungsrates der Carl-Spitteler-Stiftung Luzern