Leserbrief
Es braucht ein neues Bildungsverständnis

«Fluch und Segen der Privatschulen», Ausgabe vom 18. Juni

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In der Kolumne von Mario Andreotti wird erwähnt, dass Privatschulen, nicht zuletzt durch den Pisa-Schock, immer beliebter würden. Ist es wirklich der Pisa-Schock? Wir leben heute in einer Leistungsgesellschaft. Eine leistungsorientierte Gesellschaft mit leistungsorientierten Schulen. Die Pisa-Studie ist der grösste internationale Schüler-Leistungstest.

Sollte nicht vielmehr schockieren, dass die Selbstmordrate bei Jugendlichen in der Schweiz alarmierend hoch ist und in den letzten Jahren die Anzahl ambulanter Notfälle in der Jugendpsychiatrie stark zugenommen hat? Wir können schwarz malen oder wegschauen. Oder: Wir beginnen zu handeln.

Studien und etliche Medienberichte der vergangenen Jahre deuten denn auch klar darauf hin, dass eine erheblich zunehmende Zahl von Kindern aus verschiedenen Gründen an der Volksschule leidet: Beispiele: Zahlreiche Schüler, welche frustriert die Schule abbrechen, eine Klasse repetieren, überfordert oder unterfordert sind, durch den Leistungsdruck krank werden oder teure sonderpädagogische Massnahmen benötigen, um einigermassen über die Runden zu kommen.

Ich würde mir für die betroffenen Kinder und Familien sowie für uns als Gesellschaft wünschen, dass die Zusammenhänge bald erkannt werden. Nicht jedes Kind braucht angesichts seiner unterschiedlichen Entwicklung und Begabung für eine förderliche und gesunde Entwicklung das Gleiche. Das bisher öffentliche Schulsystem muss nicht privatisiert werden. Die heutige gesetzliche Situation unterstützt jedoch weiterhin eine Zweiklassengesellschaft.

Es braucht neben einer gut funktionierenden öffentlichen Schule eben auch andere Schulmöglichkeiten und wohl eine grundlegend echte Diskussion um ein neues Bildungsverständnis.

Martina Amato, Oberkirch