Leitartikel
Weder bei der Impfung noch bei den Tests glänzt die Schweiz: Die Behörden sind im Umgang mit der Pandemie zu träge

Mit einer schnellen Impfkampagne und umfassenden Tests könnte sich die Lage im Land bald normalisieren. Aber man kommt kaum voran.

Francesco Benini
Francesco Benini
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Er will, dass die Kantone mehr Tests durchführen, kann sich aber offenbar nicht durchsetzen: Bundesrat Alain Berset.

Er will, dass die Kantone mehr Tests durchführen, kann sich aber offenbar nicht durchsetzen: Bundesrat Alain Berset.

Keystone

Es geht schnell voran mit dem Impfen. Gegen das Coronavirus werden bis im März alle Menschen geimpft sein, die einer Risikogruppe angehören. Im Juni dürften 80 Prozent der Bevölkerung zumindest eine erste Impfdosis erhalten haben. Die sogenannte Herdenimmunität wird damit wahrscheinlich erreicht sein. Das sind erfreuliche Nachrichten in einer Krise, die seit bald einem Jahr anhält.

Die Rede ist von Chile, nicht von der Schweiz. Der südamerikanische Staat kommt bei der Umsetzung seines Impfplans mehr als doppelt so schnell voran als die Eidgenossenschaft. Die chilenischen Behörden bestellten früh grosse Mengen an Impfstoffen und berücksichtigten dabei verschiedene Unternehmen, auch eines in China.

Wie lange die Restaurants geschlossen bleiben, ist nicht entscheidend

In der Schweiz prüft Swissmedic hingegen noch immer, ob der Impfstoff von AstraZeneca zugelassen wird. Das ist nur einer der Gründe, warum das Impfprogramm ins Stocken geraten ist. Das Bundesamt für Gesundheit liess im vergangenen Herbst zu viel Zeit verstreichen, bis es mit den Lieferanten Verträge abschloss. Und die bestellten Mengen erwiesen sich als nicht zureichend. Experten warnten früh davor, dass es zu Lieferausfällen kommen könnte. Die treffen die Schweiz nun hart, weil anders als in Chile kein anderes Unternehmen mit Nachschub zur Stelle ist.

In den vergangenen Wochen wurde in diesem Land viel darüber diskutiert, ob und mit welchen Schritten der Lockdown aufgehoben werden soll. In Anbetracht der deutlich sinkenden Zahl von Ansteckungen, Hospitalisierungen und Todesfällen ist es sicher richtig, dass die Einschränkungen nach und nach beendet werden. Dabei sollten man aber die entscheidenden Fragen nicht aus den Augen verlieren. Ob die Schweiz bald aus der Coronakrise findet, hängt nicht davon ab, wie viele Wochen die Restaurants noch geschlossen bleiben.

Zentral sind zwei andere Punkte: Gewinnt die Impfkampagne an Fahrt, ja oder nein? Es ist deprimierend, dass der grösste Kanton, Zürich, elf Impfzentren einrichtet – aber acht von ihnen erst im April den Betrieb aufnehmen. Die Bereitschaft der Bevölkerung zu einer Impfung ist gestiegen, weil über unerwünschte Nebenwirkungen nichts bekannt wird. Und die Einsicht, dass es keine Rückkehr zur Normalität geben kann ohne die Impfung eines Grossteils der Bevölkerung, setzt sich auch bei vielen Skeptikern durch.

Corona-Selbsttests: Die Österreicher machen es vor

Die Versäumnisse der Behörden beim Impfen lassen sich nicht in kurzer Zeit gutmachen. Anders sieht es beim zweiten essenziellen Faktor aus: dem Testen. Coronatests gibt es genug; sie müssen nur eingesetzt werden. Auch hier glänzt die Schweiz bisher nicht.

Österreich hat angekündigt, dass jede Person ab März fünf Coronatests pro Monat in der Apotheke beziehen kann, gratis. Zu Hause kann man den Test selber durchführen; er funktioniert mit Spucke, nicht mit einem Nasenabstrich. Und was macht unser Bundesamt für Gesundheit? Es ist mit der Prüfung beschäftigt, welche Schnelltests brauchbar sind und wie die Bevölkerung sie anwenden kann.

In der ersten Welle lief es gut. Dann nicht mehr

Zu wenig, zu spät – das zeigt sich in der Schweiz auch beim Testen. Gerade in Alters- und Pflegeheimen sollten regelmässig alle Bewohner und Angestellten getestet werden. In einigen Kantonen geschieht das, in anderen jedoch nicht – was Gesundheitsminister Alain Berset erzürnt. Bei den Selbsttests geht es darum, dass Personen, die infiziert sind, aber keine Symptome zeigen, das Virus nicht an andere weitergeben. Hier sollte sehr viel mehr geschehen, gerade wenn der Lockdown aufgehoben wird. Es braucht beim Bundesamt für Gesundheit mehr Initiative, mehr Tempo – und auch mehr Führung.

Man darf sich auf einen entspannten Juli freuen. In Chile, nicht in der Schweiz. Wobei im Andenstaat im Juli nicht Sommer, sondern Winter ist. Trotzdem ist in Chile die Coronakrise dann wohl ausgestanden, weil die Behörden in den Hauptfragen vieles richtig gemacht haben. Von hiesigen Funktionsträgern kann man das nicht behaupten. Sie sind nach der erfolgreichen Bewältigung der ersten Ansteckungswelle aus dem Tritt geraten.