Wochenkommentar
Neue Anwärter für das Wort des Jahres: Impfscham und Impfneid – wieso das auch eine gute Nachricht ist

Klar ist es verwerflich und unsolidarisch, sich seine Impfung mit Halbwahrheiten zu erschleichen. Aber ist es in der Gesamtrechnung nicht noch viel unsolidarischer, sich gar nicht impfen lassen zu wollen?

Katja Fischer De Santi
Katja Fischer De Santi
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Wer jetzt geimpft werden möchte, der muss nicht krank oder alt sein, sondern clever und schnell.

Wer jetzt geimpft werden möchte, der muss nicht krank oder alt sein, sondern clever und schnell.

Alex Spichale / LTA

Es gibt neue Anwärter für das Wort des Jahres: Impfscham und Impfneid. Was eigentlich auch eine gute Nachricht ist. Neidisch kann man nur auf etwas sein, das man auch haben will. Und immer mehr Menschen wollen die Impfung. Die schlechte Nachricht: Der Impfstoff ist nicht nur knapp, sondern äusserst ungleich verteilt. Warten an manchen Orten noch 65-jährige Asthmatikerinnen auf ihre erste Dosis, prahlen andernorts 40-Jährige mit ihrem Impftermin und den gebuchten Sommerferien. In welchem Kanton man wohnt, entscheidet gerade darüber, wie schnell man geimpft werden kann. Gerecht ist das nicht, aber das ist Föderalismus selten.

Aus einer WG wird eine therapeutische Wohneinrichtung

Es häufen sich die Geschichten von Impfdränglern und Impfschummlerinnen. Ein falsches Kreuz auf dem Anmeldeformular, und aus einer WG wird eine therapeutische Wohneinrichtung – und der 21-jährige Student kriegt seine Spritze. Derweil müssen sie im Thurgau die Impftouristen aus dem Ausland von Hand aus den Listen sortieren. Zeit und Nerven, auch noch all jene zu überprüfen, die angeben, irgendwo eine 85-jährige (wohl schon geimpfte) Tante zu pflegen, hat jetzt, wo es darum geht, möglichst viele Menschen zu impfen, wirklich niemand.

In Deutschland nimmt die Diskussion über Impfprivilegien fast schon absurde Züge an. Die Kommentare sind an Gehässigkeit kaum zu überbieten. Klar ist es verwerflich und unsolidarisch, sich seine Impfung mit Halbwahrheiten zu erschleichen oder seine politische Position dafür zu missbrauchen. Aber ist es in der Gesamtrechnung nicht noch viel unsolidarischer, sich gar nicht impfen lassen zu wollen? Es gibt Menschen, die sich nicht mehr trauen, anderen von ihrer Impfung zu erzählen, weil sie sich nicht rechtfertigen wollen, wenn jemand mit dummen Kommentaren ankommt, das ist bitter. Und es dürfte mittlerweile allen klar sein, dass die Impfkampagne zwar harzt, aber trotzdem werden nicht mehr nur Hochrisikopatientinnen geimpft. Wäre das so, wäre das der viel grössere Skandal.

Es wird kein Impfwägeli vor der Haustüre hupen

Die wahren Impfprivilegien liegen nicht in Status und Beziehungsnetzwerk einzelner Personen, sondern in deren Wissensvorsprung. Wer jetzt geimpft werden möchte, der muss nicht krank oder alt sein, sondern clever und schnell. Seit es in immer mehr Kantonen die Möglichkeit gibt, sich bei der Hausärztin impfen zu lassen, ist die Sache mit der Priorisierung obsolet geworden. Aber man muss dafür schon etwas tun. Nur zu Hause zu sitzen und über die geimpften Nachbarn zu lästern, während man selbst noch nicht einmal den Computer hochgefahren hat, um das Formular auszufüllen, ist lächerlich. Noch immer haben nicht alle verstanden, dass man sich um einen Impftermin bemühen muss. Es wird nicht ein amtliches Aufgebot ins Haus flattern, und es wird auch kein Impfwägeli vor der Haustüre hupen.

Wer selbst schon geimpft ist, verfügt über Wissen, das andere vielleicht nicht haben. Statt sich zu ärgern, dass die Arbeitskollegin schon immunisiert ist, sollte man nachfragen, wie sie das angestellt hat, ganz legal. Noch besser: Man hilft Menschen, die weniger gut Deutsch können oder kein Internet haben, dabei, sich einen Impftermin zu organisieren.

Die totale Gerechtigkeit gibt es nicht

Es gibt aber gute Gründe, die geltende Impfpriorisierung zu kritisieren. Warum werden Lehrpersonen nicht bevorzugt? Sie tragen seit Monaten beim Arbeiten Maske, können sich aber trotzdem, gerade wenn sie jüngere Kinder unterrichten, kaum schützen. Oder was ist mit Kassiererinnen, auch sie im Dauereinsatz, in geschlossenen Räumen und mit einer enormen Kontaktdichte. Sind sie nicht systemrelevanter als Spitzenathleten, die an die Olympiade möchten? Es bringt nicht viel, sich darüber aufzuregen. Die totale Gerechtigkeit gibt es nicht, und in dieser Pandemie gab es sie noch nie. Auch wenn gerade der Eindruck entsteht, dass vor allem gut informierte Dränglertypen geimpft werden – Missgunst bringt uns nicht weiter. Aber jede Impfung, und sei es jene eines 21-jährigen Studenten, macht uns alle sicherer.