Wochenkommentar
Ein Hoch auf den Mainstream!

Der Vorwurf des Mainstreams ist zum Totschlägerargument in der Debatte um die Medien in der Schweiz geworden. Bewirtschaftet wird er derzeit besonders akzentuiert in Bezug auf die Corona-Pandemie. Doch die Kritik geht an der Sache vorbei.

Pascal Hollenstein
Pascal Hollenstein
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«Mainstream» ist das Pendant zur deutschen «Lügenpresse», bloss gut schweizerisch freundlicher formuliert.

«Mainstream» ist das Pendant zur deutschen «Lügenpresse», bloss gut schweizerisch freundlicher formuliert.

Die Mail ist freundlich im Ton, in der Sache aber knallhart. Seine Zeitung sei «zu einem reinen Mainstream-Medium verkommen», schreibt der Leser. Man bete nur die behördliche Corona-Propaganda nach, verbreite Panik. Dabei wäre es klüger, die Massnahmen gegen die Seuche umgehend einzustellen. Ein anderer Leser regt sich darüber auf, dass diese Zeitung kritisch über das Entwurmungsmittel Ivermectin als Corona-Medikament berichtet hat. Dieses als bestenfalls nutzlos, schlimmstenfalls als gefährlich zu bezeichnen, sei «übler Mainstream».

Die zwei Zuschriften in nur einer Woche illustrieren, was sich schon länger beobachten lässt: Der Mainstream-Vorwurf ist zum Totschlägerargument gegenüber Medien geworden. Bereits zeichnet sich auch ab, dass er in den Debatten um die Medienpaket, über das im Februar entschieden wird, eine prominente Rolle spielen wird.

Mainstream: Das klingt nach Einheitsbrei, Denkfaulheit, Rudeljournalismus, nach Propaganda. Oder schlimmer noch: Nach manipulierten und manipulierenden Medien. «Mainstream» ist das Pendant zur deutschen «Lügenpresse», bloss gut schweizerisch freundlicher formuliert.

Dass «Mainstream» zum Kampfbegriff geworden ist, ist im Grunde verwunderlich. Ursprünglich beschrieb der Terminus nämlich zutreffend und wertneutral den Massengeschmack im Pop. Was sehr viele gut finden, das setzt sich durch - und keiner regt sich darüber auf.

In der Welt der Informationsmedien freilich geht es nicht um die Unterhaltung der Massen. Es geht zunächst um die Vermittlung von Fakten. Doch was sind Fakten? Gewiss: Wahrheit in ihrer tiefsten Form mögen Menschen im Glauben finden, nicht jedoch in der Beschreibung der Realität. Und doch gibt es Dinge und Zusammenhänge, die in ihrem Gehalt derart erhärtet sind, dass Zweifel daran irrational sind. Deshalb werden diese Dinge in vielen Medien gleich beschrieben. Mainstream eben.

Nehmen wir die Debatten um das Corona-Virus. Dass die Impfung die Zahl schwerer Krankheitsverläufe reduziert, ist eine valide Erkenntnis, also Mainstream. Wäre es klug, um der puren Meinungsvielfalt willen und um dem Mainstream-Vorwurf zu entgehen, das Gegenteil zu behaupten? Die Antwort ist klar: Desinformation ist kein Auftrag verantwortungsvoller Publizistik. Es gibt deshalb auch keine Veranlassung, auf mithin gefährliche Spekulationen querdenkerischer Kreise einzutreten. Im Internet kann jeder alles behaupten. Verantwortung ist dagegen auf Facebook, Telegram & Co. ein seltener Gast.

Man mag nun einwenden, ein Medium habe nicht über richtig oder falsch zu entscheiden, sondern neutral zu informieren. Die Leserinnen und Leser könnten sich selber ein Bild machen. Das ist richtig - und falsch zugleich. Informationen zu unterschlagen wäre gewiss eine Todsünde. Allerdings ist längst nicht alles, was insbesondere im weltweiten Netz behauptet wird, auch richtig und relevant. Kein noch so mündiger Bürger, keine noch so mündige Bürgerin wäre in der Lage, dies zu jedem Thema selber zu überprüfen. Ein Stück weit haben moderne Gesellschaften das an Medien delegiert. Faktenprüfung und Einordnung ist ihre Aufgabe - transparent und im Auftrag der Leserinnen und Leser.

Dass dabei ein gewisser Mainstream entsteht, ist nicht nur unvermeidlich, sondern sinnvoll. Es ist der Boden, auf dem demokratische Auseinandersetzungen überhaupt erst möglich werden. Denn wenn jedes Faktum verhandelbar wäre, bliebe am Ende nur eine Kakophonie ungestützter Meinungen. Der demokratische Diskurs verlöre seinen Bezug zur Realität, wir verstünden uns nicht mehr - und fielen als Gesellschaft, wie der Mann in Petern Bichsels Erzählung «Ein Tisch ist ein Tisch», in bleiernes Schweigen.

Mainstream ist also nicht a priori böse. Er ist, im Gegenteil, in vielen Bereichen eine Vorbedingung für eine zivilisierte Diskussion. Ein Hoch auf diesen, wohlverstandenen Mainstream! Und ein Hoch auf eine bunte, facettenreiche und harte Debatte auf dem gemeinsamen Boden ehrlicher Faktensuche!

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