Wochenkommentar
Der Schweizer Sonderweg ist kühn, aber erfolgreich. Darum jetzt: Restaurants auf, Homeoffice-Pflicht weg!

Vielleicht zum ersten Mal in dieser Pandemie stellt sich gerade das Gefühl ein, dass das Leben bald wieder normal sein könnte. Jetzt muss der Bundesrat den Menschen wieder mehr Verantwortung übertragen.

Patrik Müller
Patrik Müller
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Öffnungen sind mit Risiken verbunden, aber mit der steigenden Impfquote vertretbar: Bundesrat Alain Berset.

Öffnungen sind mit Risiken verbunden, aber mit der steigenden Impfquote vertretbar: Bundesrat Alain Berset.

Keystone

Häme ergoss sich in den sozialen Medien über die Wissenschafts-Taskforce, als unsere Zeitung diese Woche aufzeigte, dass sie mit ihren Prognosen und Szenarien tüchtig danebenlag. Ende März hatten die Wissenschafter von bis zu 10'000 Infektionen pro Tag gesprochen, die angeblich drohten, und selbst ihr optimistischstes Modell erwies sich als zu pessimistisch.

Effektiv werden in der Schweiz nun weniger als 2000 Neuinfektionen registriert, gestern waren es 1546. Und das, obwohl seit fast drei Wochen die Terrassen und die Fitnesscenter geöffnet sind. Diese und weitere Lockerungen waren von der Taskforce, aber auch von den Grünen und von ausländischen Medien kritisiert worden.

Irren ist menschlich, bei diesem Virus ohnehin, das müssten inzwischen alle begriffen haben. Nicht nur deshalb ist die Häme deplatziert. Seien wir doch froh, dass die Entwicklung viel besser ist als vorhergesagt. Freuen wir uns, dass die Mutationen etwas weniger ansteckend sind, als man Ende März annehmen musste; damals sagten Epidemiologen, das Virus habe einen «Raketenantrieb» bekommen. Seien wir glücklich, dass sich die Menschen vorsichtiger verhalten, als die Erfahrungswerte hatten vermuten lassen!

Epidemie der Besserwisserei

In dieser Pandemie, so scheint es, geht es immer darum, recht zu haben und recht zu bekommen. Diese Epidemie der Besserwisserei wird langsam unerträglich. Man sah es in der ersten Welle schon am Beispiel Schweden. Diejenigen, die dessen liberale Politik ablehnten, triumphierten, als die Todeszahlen in Schweden «endlich» stiegen. Na also, wir haben’s doch immer gesagt. Als sich die Lage dann entspannte, hörte man nichts mehr von den Schadenfreudigen.

Hierzulande darf man nüchtern feststellen: Der durchaus kühne Schweizer Weg erweist sich als erfolgreich. Ohne die massiven Einschränkungen, wie sie unsere Nachbarländer eingeführt haben – mit entsprechenden negativen Folgen für die Psyche und die Wirtschaft –, steht sie relativ gut da. Und das, obwohl das Impf­tempo zu wünschen übrig lässt.

Vielleicht zum ersten Mal in dieser Pandemie stellt sich gerade das Gefühl ein, dass das Leben bald wieder normal sein könnte. Man mag den Wir-haben-es-geschafft-Satz noch nicht aussprechen, denn allzu oft, auch das müssten inzwischen alle begriffen haben, kam es zu Rückschlägen, sei es durch Mutationen oder Lieferprobleme bei Impfstoffen. Trotzdem, das Dickicht der Angst lichtet sich. Sorglos ist man noch nicht, zumindest ohne Impfung, aber man spürt: Es ist nicht mehr weit.

Bundesrat sollte zwei Entscheide korrigieren

Jetzt muss auch die Politik einen nächsten Schritt tun. Wenn der Bundesrat am kommenden Mittwoch über weitere Öffnungsschritte berät, sollte er zwei Einschränkungen korrigieren, die er – wohl gestützt auf die zu pessimistischen wissenschaftlichen Modelle – immer und immer wieder verlängert hat.

Erstens sollten die Restaurants ab sofort ihren Vollbetrieb wieder aufnehmen dürfen. Ein Blick ins benachbarte Vorarlberg zeigt, dass diese Risiken überschaubar sind. Dort konnten die Lokale Mitte März die Innenräume öffnen, unter Einhaltung von Schutzmassnahmen und verbunden mit einer Testoffensive. Keines der Schreckensszenarien traf ein, die Intensivstationen sind leer geblieben.

Zweitens sollte die Homeoffice-Pflicht fallen. Viele Chefs fühlen sich in ihren Villen und Lofts zwar wohl und würden gern noch länger von zu Hause aus arbeiten, aber manchen Angestellten fällt die Decke auf den Kopf, und das Bedürfnis nach physischem Austausch wächst. Es gibt keinen Grund mehr, dass der Staat vorschreibt, wo wer zu arbeiten hat, zumal der Verkehr auf den Strassen ohnehin wieder Vor-Krisen-Niveau erreicht hat.

Diese Öffnungen sind mit Risiken verbunden, aber mit der steigenden Impfquote vertretbar. Die Irrtümer der letzten Wochen zeigen: Die meisten Menschen verhalten sich vernünftig. Die Behörden sollten ihnen wieder mehr Verantwortung übertragen.