Analyse
Nur noch Bodentruppen…

Dieser Text braucht eine Vorbemerkung. Ihr Kern ist dieser: Hier soll kein Vergleich gemacht werden, allenfalls eine Parallele gezogen werden. Diese Parallele soll ein Licht werfen auf ein psychopolitisches Problem.

Christoph Bopp
Christoph Bopp
Drucken
US-Bodentruppen (Archiv).

US-Bodentruppen (Archiv).

Keystone

«Psychopolitisch» meint hier, dass aus einer durchaus vergleichbaren mentalen (oder eben «psychischen») Ausgangssituation vergleichbare Folgen entstehen können. Natürlich wiederholt sich die Geschichte nicht.

Und wenn sich etwas ereignet hat, heisst das nicht, dass sich etwas Ähnliches ereignen muss oder dass es deswegen gerechtfertigt werden könnte. Denn wenn zwei das Gleiche oder etwas Ähnliches tun, ist es nicht das Gleiche. Das steht fest.

Der sogenannte «Islamische Staat» (IS) sei nicht aus dem Nichts aufgetaucht, versichern uns Fachleute, und zählen dann alle die Namen auf, unter denen er schon figurierte. Und dennoch ist die Welt erschrocken, als die skrupellose Brutalität dieser Gruppierung offenbar wurde, als die ersten Videos kursierten mit Enthauptungen, als bekannt wurde, welche Massaker diese Gotteskrieger begangen hatten.

Eine Heimstatt für die Verlorenen aufgrund einer Verheissung

Die Fachwelt nennt den IS einen «Protostaat», eine Frühform eines Staates. Zwar mit Territorium und ein paar pseudo-staatlichen Strukturen, aber (noch) nicht voll ausgebaut – und vor allem nicht verhandlungsfähig – oder -würdig.

Das stimmt – und es stimmt doch nicht. Kommt drauf an, woher man schaut. Schaut man aus unserer Warte, ist der IS und sein Kalifat eine komische Veranstaltung in der Wüste, eher eine Art Kriegerhorde als ein Gebilde, das auch nur entfernt Staatsähnlichkeit reklamieren dürfte.

Schaut man von den anderen dschihadistischen Gruppierungen aus (und da gibt es eine ganze Menge, von den allermeisten haben wir noch nie gehört, wir kennen auch ihre Anführer und den ganzen Rest nicht!), dann sieht man etwas, was bisher noch nicht versucht worden ist:

Eine Organisation, die sich zwar erklärtermassen dem Dschihad widmet, aber auch eine realistische oder realisierbare Vision anbietet, die versucht, auf «ihrem» Territorium soziale und andere Dienstleistungsstrukturen aufzubauen, die sich um die Versorgung der Einwohner kümmert – und die allfällige «Fremde» und Konkurrenten umgebracht oder vertrieben hat.

Ihr Muslime, kommt in euren Staat!» Keine Dschihad-Truppe hat sich so geäussert. Sie begnügten sich mit dem Aufruf zum Dschihad, allenfalls zum «Kampf gegen die Kreuzritter».

Jetzt offerieren Muslime den Glaubensgenossen eine Heimstatt, einen Zufluchtsort – einen Ort vor allem, wo Zukunft möglich scheint. Dass mit Verheissungen aus dem Koran gearbeitet wird, ist nur folgerichtig. Nicht das Paradies wird versprochen, sondern die konkrete Utopie hienieden.

Von der Balfour-Deklaration zum Judenstaat zum modernen Israel

Wem das bekannt vorkommt, hat recht. Wir hatten das schon. Wie gesagt: nicht das Gleiche, aber psychopolitisch durchaus Parallelisierbares. Einem Volk in seiner dunkelsten Stunde leuchtete die Verheissung einer Zuflucht.

1924 versprach der britische Aussenminister Lord Balfour dem jüdischen Volk «eine Heimstätte». Die jüdische Einwanderung nach Palästina wuchs während der Nazi-Verfolgung stetig an, bis sie nach dem Zweiten Weltkrieg so stark wurde, dass die Briten aufgeben mussten.

Die UNO stimmte 1948 der Teilung Palästinas und damit einem Staat Israel zu. Damals versuchten arabische «Bodentruppen» mehrfach, das junge Staatsgebilde auszuradieren. Damals entwickelte dieses Volk eine bewundernswerte Tapferkeit und Zähigkeit und verteidigte die Errungenschaft. Nie mehr sollte sich ein Jude wehrlos ergeben. «Masada soll nicht wieder fallen!»

Ich behaupte nicht, dass Bodentruppen keine Lösung gegen den IS seien. Ich weiss schlicht nicht, wie eine solche Lösung aussehen könnte. Aber ich plädiere dafür, dass man sich erinnert, was sich entwickeln kann, wenn ein Volk seine religiöse Energie mobilisiert und weiss, dass es nichts mehr zu verlieren hat. Dass der Westen

es mit den Muslimen irgendwie «gut meint»; diesen Glauben haben nicht nur die IS-Leute schon lange verloren. Nach dem Backlash gegen die Muslimbrüder in Ägypten weiss man auch, was man von «Demokratie» halten muss. Es ist – wie gesagt – eine Parallele, beileibe kein Vergleich.