Gastkommentar
Zur Debatte über den Bau neuer Atomkraftwerke: «Solarstrom ist preislich unschlagbar»

Der ehemalige Direktor des Bundesamtes für Energie sagt, Solarstrom sei teurer als Kernenergie. Der Präsident der Grünliberalen Schweiz und Berner Nationalrat, Jürg Grossen, und die Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter finden dagegen, dass eine sichere, klimafreundliche Schweizer Stromversorgung nur mit erneuerbaren Energien möglich sei. Eine Replik.

Jürg Grossen und Gabriela Suter
Jürg Grossen und Gabriela Suter
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Als Mitarchitekt des Energiesystems aus dem letzten Jahrtausend möchte der ehemalige BFE-Chef Eduard Kiener krampfhaft an einer zentralen Stromversorgung festhalten. Dafür rechnet er in seinem Gastbeitrag neue AKW schön. Das Rezept dazu ist einfach und bekannt: Man unterschätze die Baukosten, gehe von unrealistischen Laufzeiten aus und berechne nur einen Bruchteil der Versicherungs- und Entsorgungskosten. So kommt man auf 8-10 Rp./kWh für Strom aus neuen AKW. Dieser Wert ist aber viel zu tief. Das Investmentinstitut Lazard hat dafür eine Preisspanne von 12-19 Rp./kWh errechnet.

Noch nicht in diesem Preis enthalten ist eine umfassende Versicherung – die laufenden AKW sind gegen Schäden aus einem GAU völlig unzureichend versichert. Unvollständig enthalten sind auch die Entsorgungskosten des Atommülls, da diese noch gar nicht bekannt sind. Kurz gesagt: Ein realistischer Preis für Strom aus neuen AKW liegt wohl eher bei 20 Rp./kWh – doppelt so hoch, wie im Artikel angenommen. Dieser Preis wird selbst von kleinen Solaranlagen auf Einfamilienhäusern oder alpinen Anlagen unterboten.

Kiener schlägt vor, dass erneuerbare Energien und Atomkraft gleichzeitig ausgebaut werden müssten. Dabei missachtet er, dass die kaum regulierbare Bandstromproduktion der AKW überhaupt nicht zur variierenden Produktion aus Sonne und Wind passt. Zu deren Ausgleich braucht es unsere bestehenden Stauseen sowie Batteriespeicher – insbesondere jene in Elektrofahrzeugen.

Ebenfalls unrealistisch ist die Annahme, dass ein neues AKW innert 15-20 Jahren in Betrieb gehen könnte. Das Gesetz müsste geändert, eine Volksabstimmung gewonnen, ein Standort und ein Investor gefunden werden. Das alles ist nicht realistisch und würde wohl eher 30 Jahre dauern. Bis dann ist die Energiewende längst geschafft. Der Ausbau der Solarenergie erfolgt kontinuierlich und leistet damit rechtzeitig einen zentralen Beitrag, um allfällige Versorgungsengpässe zu vermeiden.

Mit Photovoltaik kann die Schweiz rund die fünffache Menge des heutigen Atomstroms produzieren. Allein auf den geeigneten Dächern und Fassaden ist eine höhere Produktion als der heutige Jahresverbrauch möglich. Das grösste Potenzial liegt bei mittelgrossen Dächern, wo schon heute zu 8-11 Rp./kWh Solarstrom produziert werden kann, Tendenz klar sinkend. Denn der Wirkungsgrad der Module wird immer besser und der bürokratische Aufwand beim Bau der Anlagen wird reduziert.

Die dezentrale Produktion mit Photovoltaik ist wesentlich effizienter als solche aus weiteren Grosskraftwerken, denn sie vermeidet hohe Stromtransportkosten.

Haben Atommeiler im erneuerbaren Energiesystem noch Platz?

Haben Atommeiler im erneuerbaren Energiesystem noch Platz?

Bruno Kissling

Wir sind überzeugt: Atomkraft hat im erneuerbaren Energiesystem keinen Platz. AKW sind weder nachhaltig noch wirtschaftlich betreibbar. Sie würden die Stromversorgung der Schweiz auch in Zukunft nicht dauerhaft sicherstellen. Zu gross ist das Klumpenrisiko, das zeigen alle Fälle von Stromknappheit in den vergangenen Jahren. Stets waren gleich mehrere AKW in der Schweiz und der EU ungeplant oder länger vom Netz, häufig auch wegen denselben Sicherheitsmängeln in baugleichen Reaktoren. Zusammengefasst handelt es sich hier also um ein Rückzugsgefecht einer Technologie von gestern.

Eine sichere, klimafreundliche Schweizer Stromversorgung lässt sich nur mit erneuerbaren Energien sicherstellen. Die Solarenergie muss deshalb neben der Wasserkraft zur zweiten tragenden Säule unserer Energieversorgung werden, genau wie dies die Energieperspektiven des Bundes vorsehen. Im Zusammenspiel mit Pumpspeicherkraftwerken und der Speicherung in Elektroautobatterien ist diese Versorgung sicher, stabil und preiswert. Und sie ist heute verfüg- und rasch einsetzbar, ganz im Gegenteil zu den Träumereien rund um neue AKW.