Meinung
Es ist Zeit, sich zu empören – gegen solche Methoden

Alex Capus schrieb für diese Zeitung eine Kolumne mit dem Titel «Es braucht wieder Empörung», die schliesslich auch SVP-Stratege Christoph Blocher las. Er wollte die Zeilen von Alex Capus nicht goutieren und antwortet nun mit einer eigenen Kolumne.

Christoph Blocher
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Christoph Blocher empörte sich über die Kolumne von Schriftsteller Alex Capus

Christoph Blocher empörte sich über die Kolumne von Schriftsteller Alex Capus

Keystone

Am 16. Oktober abends fanden sich ein paar hundert Bürgerinnen und Bürger im Hotel Drei Könige in Chur ein, um meinen Vortrag «Sollen die Schweizer Werte gestärkt oder geschwächt werden?» zu hören. Wie üblich hatten die Zuhörer nach dem Vortrag Gelegenheit, sich zu äussern.

Dabei stand ein älterer Mann auf und sagte, man müsse für die Ecopop-Initiative stimmen, wenn man wirklich etwas gegen die Zuwanderung unternehmen wolle. Ich widerlegte dies mit dem Hinweis, dass es jetzt darum gehe, die von Volk und Ständen angenommene Massenzuwanderungsinitiative durchzusetzen.

Zur extremen und schädlichen Ecopop-Initiative empfahl ich ein Nein. Gleichzeitig warnte ich die Classe politique davor, das Problem der Massenzuwanderung nicht ernst zu nehmen.

Schon anlässlich der Minder-Initiative, die ich bekämpft und bei der ich mich (vergeblich) für den Gegenvorschlag eingesetzt habe, sei zu meinem Erstaunen ein rechtschaffener, solider Gewerbler aufgestanden und habe für ein Ja zur Initiative geworben mit den Worten: «Jetz isch emal fertig, jetz ghört däne det obe emal eis a d’Schnure – däne Sieche.» Solchen Volkszorn fände ich bedenklich.

Tage später riefen mich Journalisten an, ob es stimme, dass ich erklärt hätte, die Mitglieder des Bundesrates hätten «ais a d’Schnure verdient, die Sieche». Das schreibe der Journalist Francesco Benini in der «NZZ am Sonntag» vom 19.Oktober. Ich fand diese bösartige Falschdarstellung unglaublich und stellte sie in meiner wöchentlichen Fernsehsendung teleblocher.ch vom 24. Oktober richtig. Allen nachfragenden Journalisten erklärte ich den wahren Sachverhalt. Diese wiederum fragten bei Besuchern nach. Darum schrieb keiner diesen Unsinn.

Umso mehr erstaunt war ich, als mir Bürger eine Kolumne von Alex Capus, Schriftsteller, zustellten.

Dieser «Schriftsteller», der mir aber als ehemaliger Präsident der SP Olten bekannt ist, tut so, als wäre er selber am Vortrag in Chur anwesend gewesen und unterstellt mir, ich hätte der Landesregierung «fäusteschüttelnd» Prügel angedroht und gesagt, «die heute amtierenden Bundesräte verdienten ais a d Schnure, diese Siechen».

Solche Worte – so Capus – habe nicht ein «Schulbub» und auch kein «besoffener Fuhrknecht» gesprochen, «sondern ein altgedienter Nationalrat und Minister, einflussreicher Unternehmer und Oberst der Schweizer Armee».

Noch vor zwanzig Jahren wäre einer, «der sich derart aufführte, in diesem Land als öffentliche Person für alle Zeiten erledigt gewesen». Ich hätte – meinte Capus – als «autoritäre Führerfigur Demokraten mit Gewalt gedroht». Soweit die Zitate des Empörten, der sich zum Schluss über die mangelnde Empörung in diesem Land empörte.

Als Literaturinteressierte hat mich meine Frau in den letzten Jahren auf den Schriftsteller Alex Capus aufmerksam gemacht. Er grabe vergangene Gegebenheiten aus und verarbeite diese dichterisch zu «Dichtung und Wahrheit».

Bei allem Respekt vor dichterischer Freiheit: Hier geht es um anderes! Wenn ein Literat in einem politischen Artikel einen politischen Gegner zitiert und ihm (in Anführungszeichen) bestimmte Worte in den Mund legt, müssen diese Zitate stimmen.

Ich hatte in Chur – für alle Besucher klar erkennbar – genau das Gegenteil von dem getan, was mir Benini und dann Capus vorwarfen. Einerseits rief ich die Classe politique auf, die Bürger ernst zu nehmen, um solch gefährlichen Volkszorn zu verhindern. Und andererseits beschwor ich die wütenden Bürger, bei Abstimmungsvorlagen für das sachlich Richtige zu stimmen und nicht einfach Denkzettel zu verteilen.

Capus’ Zeilen erinnerten mich unangenehm an die Machenschaften der Nationalsozialisten vor und während des Zweiten Weltkrieges. Sie warfen – den Juden – Untaten vor, die sie gar nicht begangen hatten – nur um sie zu verfolgen.

So logen die Nazis, die Juden seien an der Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg schuld. Als die Verleumdeten richtigstellten, sie seien für diese Niederlage nicht verantwortlich, hiess es sofort: «Jetzt streiten die Lügner auch noch ab.» Längst weiss man, dass die politische und militärische Führung der Deutschen allein verantwortlich war für die Niederlage im Ersten Weltkrieg.

Capus verfolgt dasselbe Motiv und gibt es auch gerade zu: Er möchte seinen politischen Widersacher «für alle Zeiten» mundtot machen und erledigen.

Auf welchen Motiven beruhen wohl die anderen «Geschichten» von Capus, dem Schriftsteller? In einem stimme ich aber Herrn Capus zu: Es ist Zeit, sich zu empören – gegen solche Methoden.