Geschichte
«Der Gipfel ist nicht absehbar»

Historiker Georg Kreis über den Umgang mit der Geschichte nach hinten und nach vorne.

Georg Kreis
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Hauen und Stechen am Morgarten: Die Eidgenossen schlagen die Soldaten des Herzogs Leopold in die Flucht.

Hauen und Stechen am Morgarten: Die Eidgenossen schlagen die Soldaten des Herzogs Leopold in die Flucht.

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An der Morgarten-Feier erklärte unser Verteidigungsminister: «Die Kritik an unserer Geschichte ist meistens politisch». Gemeint hat er allerdings nicht Kritik an der Geschichte selber, sondern Kritik am traditionellen Geschichtsbild, was wirklich nicht das Gleiche ist. Bundesrat Maurer wollte damit die Fachexpertise als unwissenschaftlich abtun, weil sie sich gegen eine Geschichtsnutzung richtet, die ihrerseits höchst politisch ist. Die Kritik der Fachhistoriker an diesem Geschichtsbild ist tatsächlich ebenfalls politisch. So paradox es tönen mag: Wissenschaft und Politik, gemeinhin verstanden als zwei sich gegenseitig ausschliessende Welten, fallen im Fall der Geschichte insofern zusammen, als wissenschaftliche Befunde den ungenierten politischen Gebrauch stören und sogar stören müssen.

Die von wissenschaftlicher Seite angemeldete Kritik ist insofern politisch, als sie die Differenz zwischen Mythenbild und dokumentierter Realität aufzeigt und die durchaus als politisch zu verstehende Meinung vertritt, dass eine Gesellschaft gut daran täte, sich an Realitäten zu halten, statt sich an Mythen zu orientieren. Wenn Fachhistoriker auf diese Diskrepanz hinweisen und der in der Landesregierung die SVP-Position haltende Ueli Maurer mit abschätzigen Bemerkungen zurückschlägt, entsteht daraus keine ernsthafte Debatte um «wahre» Geschichte. Diese würde man von SVP-Seite gar nicht führen können und auch nicht führen wollen.

Man kann auch die Geschichte manipulieren, die noch vor uns liegt

Die Mythenfreunde berufen sich auf den «höheren Sinn» nicht der Geschichte, sondern der einzelnen Geschichten. So machen sie sich zu Verteidigern schweizerischer Essenz. Dabei geht es weniger um Verteidigung von Einzelgeschichten als um Kultivierung des Mythischen an sich, um Verbreitung von Nebel und Schaum, den man in aktuellen Gegenwartsdebatten mit sehr politischen Zielen einsetzen kann: gegen den eigenen Staat, gegen die eigene Regierung, gegen das Ausland. Daneben betreibt die gleiche Seite einen ganz anderen, ebenfalls manipulativen Umgang mit Geschichte – aber mit der Geschichte, die nicht hinter uns, sondern vor uns liegt. Mit scheinrationalen Hochrechnungen projiziert sie Geschichte, die noch nicht stattgefunden hat und so nie stattfinden wird. Schon mehrfach hat sie Momente starker Anstiege auf die kommenden Jahrzehnte hochgerechnet und mit visualisierten Geschichtskurven den Bürgerinnen und Bürgern Angst eingejagt. Zum Beispiel im Januar 2014, kurz vor der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative: In 50 Jahren hätten die dannzumal über 8 Millionen Ausländer in der Schweiz die Mehrheit! Zur muslimischen Bevölkerung hatte sie schon zuvor mit einer ebenfalls irreführenden Hochrechnung das gleiche Spiel gemacht. Die Irreführung vom Januar 2014 war derart gravierend, dass das Bundesamt für Statistik Gegensteuer zu geben versuchte, indem es selbst eine andere intensive Wachstumsphase, nämlich diejenige der Jahre 1957 bis 1962, als Ausgangswert nahm und so zum Resultat kam, dass die Schweiz schon heute eine Bevölkerung von 80 Millionen haben müsste.

Es fehlt noch die Hochrechnung, wann die SVP die Mehrheit erreicht

Würde man mit der gleichen Methode die Entwicklung der rechtsnationalen Kräfte in der Schweiz hochrechnen, könnte man eine doppelte Geschichtskurve extrapolieren: eine quantitative, die in Aussicht stellt, bis wann die SVP in der Schweiz die Mehrheit und damit die uneingeschränkte Macht hat; und eine qualitative, welche die heutige Polemik gegen Regierung, Parlament, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Einordnung in die Staatenwelt bis ins Totalitäre hochrechnet. Das mag, weil die Schweiz ein kleines Land ist, für die Welt nicht gravierend sein, aber für die Menschen, die in diesem kleinen Land leben, ist oder wäre dies wirklich keine gute Perspektive.

Franz Steinegger, ehemaliger FDP-Präsident, hat kürzlich nach der wegen ihren unverschämten Tönen einmal mehr stark beachteten SVP-Delegierten-Versammlung in Kerns (OW) erklärt: «Ich dachte schon einige Male, der Höhepunkt sei jetzt erreicht; bei der Abstimmung über die Minarett-Initiative, dann nach der Ausschaffungsinitiative, dann nach der Masseneinwanderungsinitiative». Doch jedes Mal habe die SVP nachgelegt. Er frage sich bei diesem «Steigerungslauf», was da noch kommen möge: «Der Gipfel ist nicht absehbar.» Der anstehende Wahlherbst wird es zeigen.

Der Autor ist emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel.
Er war bis 2011 Leiter des Europainstituts Basel und Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Kreis ist Mitglied der FDP.

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