Baselland
Leitartikel: «Ohne den Bildungsrat wird alles nur schlimmer»

Was bringt eine Abschaffung des Bildungsrats fürs Baselbieter Schulsystem? Der Leitartikel zur bevorstehenden Abstimmung von Redaktionsleiter und Stv. Chefredaktor Bojan Stula.

Bojan Stula
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Ohne Bildungsrat werden Monica Gschwind und ihre Regierungskollegen entscheiden, was unterrichtet wird.

Ohne Bildungsrat werden Monica Gschwind und ihre Regierungskollegen entscheiden, was unterrichtet wird.

Martin Toengi

Der Wunsch nach der Abschaffung des Baselbieter Bildungsrats ist nur allzu verständlich. Wenigstens aus Sicht der Baselbieter Regierung und FDP-Bildungsdirektorin Monica Gschwind. Im Spannungsfeld der Bildungsreformen, der ständigen Interventionen des Komitees «Starke Schule» und eines politischen Diskurses, in dem sich der Landrat in endlosen Detaildiskussion verliert, könnte Gschwind immerhin einen Konfliktherd ausschalten. Es braucht für den jeweiligen Direktionsvorsteher eine «Lust am Streit und an der demokratischen Auseinandersetzung», sagt ein ehemaliger Bildungsdirektor, «um mit dem Bildungsrat zurande zu kommen».

Dass in den Zeiten vor Harmos, Lehrplan 21 und der Starken Schule mehr Energie für solche Auseinandersetzungen vorhanden war, versteht sich von selbst. Die Aussicht für die heutige Bildungsdirektion, die kompromisslose Entscheidungshoheit über die Stundentafeln, Lehrpläne und Lehrmittel zu erringen, ist darum äusserst verlockend; der Kreuzzug, den FDP-Kantonalpräsident Paul Hofer gegen das Bildungsgremium losgetreten hat, entsprechend willkommen.

Allerdings ist es der Landrat selbst, der in den vergangenen Jahren – unbewusst – die allerbesten Argumente für den Beibehalt des Bildungsrats geliefert hat. Hier ist es nicht nur die Verbissenheit, mit der einzelne Parlamentarier und Fraktionen bis zum Überdruss das Baselbieter Parlament mit Bildungsvorlagen fluten. Es ist nicht nur die Gefahr, dass anhand von Bildungsfragen weltanschauliche Richtungskämpfe von einer der Sache nicht angemessenen Heftigkeit ausgetragen werden, welche die parteipolitischen Fronten zusätzlich verhärten, und wofür der Abstimmungskampf zur Bildungsratsvorlage bestes Anschauungsmaterial liefert. Nein, es ist vor allem das in der Baselbieter Politik verloren gegangene Bewusstsein für die grossen Zusammenhänge im Bildungswesen, das so fatal ist, und welches einen Bildungsrat mit Übersicht und Distanz zum Tagesgeschäft nötig macht.

Unsere Schulen liefern weiterhin hervorragende Resultate, wie jüngst die hohe Erfolgsquote von Baselbieter Gymnasiasten bei den Uni-Abschlüssen bewiesen hat. Der öffentliche Diskurs jedoch ist überwiegend negativ. Statt Selbstvertrauen dominiert das Misstrauen gegenüber dem Deutschschweizer Bildungskonkordat, das zu kurzfristigen Erregungen über angebliche Mängel führt, die dann wiederum mit nicht zu Ende gedachten Gegenmassnahmen behoben werden sollen. Also wird im Landrat damit argumentiert, dass die ältere Tochter mit einem anderen Lehrmittel besser Französisch gelernt haben soll als die jüngere mit dem neuen. Als ob solch subjektive Eindrücke eine empirisch taugliche Entscheidungsgrundlage darstellen würden.

Mit wachsender Ungeduld der Politik nehmen die Schnellschüsse zu, so etwa bei der Zustimmung einer Landratsmehrheit zum Ausstieg aus dem Passepartout-Projekt. Die Folgen muss die Lehrerschaft ausbaden. Wobei hier wiederum jegliches Vertrauen in die Lehrkräfte fehlt, im Schulalltag mit Eigeninitiative und Erfahrung Mängel eines Lehrmittels oder Lehrplans ausgleichen zu können. Richtig zynisch wird die Diskussion über die Bildungsratsabschaffung, wenn nun einzelne seiner Fehlentscheide als Argument herangezogen werden, um gleich das ganze Gremium abzuschaffen.

Bestimmt war der Bildungsrat in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht fehlerfrei. Auch über eine veränderte Zusammensetzung lässt sich jederzeit diskutieren. Entscheiden tut er aber, was im Abstimmungskampf völlig untergegangen ist, aufgrund von Anträgen der Bildungsdirektion. Wenn mit seiner Weiterführung verhindert werden kann, dass künftige einsame Entscheide der Bildungsdirektion noch viel stärker als jetzt den Nährboden für parlamentarische Grabenkämpfe bilden, dann lebt auch die Hoffnung weiter nach der Rückkehr von wieder etwas mehr Gelassenheit in Baselbieter Bildungsfragen.

Schliesslich noch ein Gedanke zum Beirat Bildung selbst, sollte dieser durch den Volkswillen übermorgen Sonntag ins Leben gerufen werden: Die Vorstellung, dass sich dort eine auserlesene Expertenschar viel intensiver als heute in die Materie vertieft, um die von Hofer erwarteten «besseren Vorschläge» zu erarbeiten, scheint etwas naiv zu sein. Wer möchte schon seine Zeit in einem zahnlosen Gremium verplempern, dessen Mitglieder genau wissen, dass die Bildungsdirektorin ohnehin den eigenen Willen durchsetzen kann? Wahrscheinlicher da menschlicher ist, dass ein solches entscheidungsfreies Beratergremium schon bald nur noch eine reine Alibifunktion ausüben wird.