Café Fédéral
Von der Kanzel herab

Antonio Fumagalli
Antonio Fumagalli
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Das Bundeshaus in Bern.

Das Bundeshaus in Bern.

Ein Hang zur Selbstdarstellung gehört ja gewissermassen zur DNA eines Politikers. Wer die Wahlbevölkerung von sich und seinen Positionen überzeugen will, rückt sich selbst ins beste Licht – und gefällt sich in der Regel auch dabei.

Den Berner Stadträten dürfte also das, was ihnen im nächsten Juni bevorsteht, wie eine Offenbarung vorkommen: Zum ersten Mal in ihrem Leben können sie nämlich – und das ist nicht metaphorisch gemeint – von der Kanzel herab predigen! Weil das 600-jährige Berner Rathaus während zweier Monate umfassend renoviert werden muss, zügeln die Parlamentarier für eine einzige Sitzung ins berühmteste Gotteshaus Berns.

Nun sind Debatten «extra muros» per se nichts Aussergewöhnliches: 2001 zog das Bundesparlament gleich für eine ganze Session ins Tessin. Im Schlepptau ein Tross von Übersetzern, Informatikern und Journalisten.

Und der Bundesrat tagt gar ein- bis zweimal jährlich ausserhalb des Bundeshauses und will damit die Verbundenheit mit den Kantonen zum Ausdruck bringen. Eine Parlamentsdebatte in einer Kirche, das kommt hingegen nicht alle Tage vor. Entsprechend wird die politische Auseinandersetzung der Lokalität angepasst: «Wir werden sicher keine komplizierten Sachgeschäfte abhalten», sagt der designierte Stadtratspräsident Christoph Zimmerli (FDP) gegenüber dem «Bund».

Gut möglich, dass sich einzelne Stadträte die rhetorische Sternstunde ihrer Politkarriere für den Moment aufsparen, wenn sie nun endlich einmal von einer echten Kanzel herab sprechen dürfen. Allen anderen sei angesichts der Akustik der Rat von Münster-Sigrist Felix Gerber ans Herz gelegt: «Man sollte sich zweimal überlegen, was man im Münster sagt. Schlechte Reden wirken rasch erbärmlich.»