Analyse
Links oder Rechts in der Pandemiepolitik – das ist hier nicht die Frage

Pandemiepolitik hat weniger mit politischem Lagerdenken als mit einer Facette des Entscheidungsverhaltens zu tun, sagt unser Autor.

christoph bopp
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Christoph Bopp: «Natürlich kann man auch lernen aus der bisherigen Pandemiepolitik. Proaktiv ist besser als reaktiv.»

Christoph Bopp: «Natürlich kann man auch lernen aus der bisherigen Pandemiepolitik. Proaktiv ist besser als reaktiv.»

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

«Wie viele Todesfälle wären vermieden worden, wenn im Dezember 2019 statt Ignazio Cassis Regula Rytz in den Bundesrat gewählt worden wäre?» Die Frage stellte Daniel Binswanger in seiner Kolumne am Samstag auf «republik.ch». Am Sonntag griff Nationalrätin Regula Rytz die Frage auf Twitter auf. Dann kam Mitte-Präsident Gerhard Pfister und lieferte sich mit Binswanger ein Twitter-Duell. Das sei «Links-Trumpismus» warf Pfister Binswanger vor.

Was haben die Politschablonen «Links» und «Rechts» mit dem Handling der Pandemie zu tun? Natürlich führte die Debatte nirgendwohin.

Lassen wir den Vorwurf des «Auf-den-Mann-» resp. «Auf-die-Frau-Spielens» mal weg und wenden uns dem grundsätzlichen Problem der Pandemiepolitik zu. Es heisst «Handeln unter Unsicherheit» (oder Ungewissheit – wie man lieber will). Keineswegs etwas Neues. Man weiss nicht immer genau, wie es herauskommen wird. Politisch gedreht verbirgt sich aber ein kleiner Trick drin, der einiges aussagt.

Wer falsch liegt, ist ein schlechter Entscheider

Wir nehmen den reinen Fall. Das heisst: Wir können nicht wissen, wie es herauskommt. Kopf oder Zahl – 50 Prozent. Oder politisch: Es gibt – wenn es denn überhaupt welche gibt – gute Argumente dafür und dagegen. Aber entscheiden muss man sich. Nach dem Wurf der Münze hat einer recht und der andere unrecht. Das politische Umfeld macht daraus ein böses Spiel: Es bewertet im Nachhinein die Entscheidung. Wer richtig geraten hat, ist ein guter Entscheider; wer falsch gelegen hat, ein schlechter. Viele Politiker fürchten diese Qualifikation.

Wohlgemerkt: Man kann nichts dafür, wie die Münze gefallen ist. Aber es ist nicht gleichgültig, wie man an die Sache herangeht. Für die Politik gelte «gouverner, c’est prévoir» hört man oft. Wie wenn das möglich wäre.

Aber entscheidungslogisch gibt es zwei Möglichkeiten. Die zwei Möglichkeiten nennen wir «Realpolitiker» und «Modelldenker». Der Realpolitiker denkt in Analogien und damit in der Vergangenheit. Er analysiert die Situation und denkt darüber nach, was in analogen Situationen erfolgreich getan oder unterlassen worden ist. Der Modelldenker stützt sich auf Daten und Modelle. Er verlängert den Trend, den das Modell aus der Vergangenheit errechnet, in die Zukunft. Natürlich nicht blind, sondern immer im Eingedenken, dass Handeln die Grundbedingungen des Modells verändern kann.

Für den Realpolitiker ist die Gegenwart das Produkt der Vergangenheit, für den Modelldenker verbirgt sich in der Gegenwart bereits die Zukunft. Man sieht jetzt leicht, was das für die Pandemiepolitik bedeutet. Man muss handeln oder unterlassen, eine Entscheidung ist gefordert. Dabei muss man mit dem Präventionsparadox zurechtkommen. Man hat gehandelt und deshalb ist nicht eingetroffen, was die Extrapolation der Daten vorausgesagt hat. Der Modelldenker widerlegt sich gewissermassen selbst.

Wer nichts tut, tut nichts Falsches?

Der Realpolitiker fürchtet vor allem aber, dass er falsch liegen könnte. Den Münzwurf oder den Moment, wo die Entscheidung qualifiziert wird, sieht er als eine Art Wette. Liegt er falsch, hat er verloren. Hat er nichts gemacht, ist immerhin die Gefahr weniger gross, etwas Falsches gemacht zu haben. Wir haben im Kanton Aargau diese Realpolitik erlebt.

Nicht handeln, weil das zu einem kantonalen Flickenteppich der Massnahmen geführt hätte. Ein ehrbares, aber – wie man schnell sieht – kein besonders gutes Argument. Denn dann, als der Bundesrat gehandelt hat, hat man die Massnahmen eifrig begrüsst.

Man kann aus der bisherigen Pandemiepolitik lernen

Es drängt sich nicht auf, aber wenn man das Links-Rechts-Schema der Situation aufzwingen will, könnte man der Linken einen Hang zum Interventionismus unterstellen. Die Linken glauben, dass mehr machbar ist, als wenn man es laufen lässt. Die Rechten glauben lieber daran, dass es von selbst gut kommt oder man Natur oder Markt machen lassen soll.

Natürlich kann man auch lernen aus der bisherigen Pandemiepolitik. Proaktiv ist besser als reaktiv. In der Gegenwart ist die Zukunft drin: Die Leute, die sich heute anstecken, sind in ein paar Tagen im Spital. Vielleicht gar dies: lieber ein schneller harter Schnitt und dann zurück in die Normalität als langsames Durchseuchen à la Jo-Jo ohne Ende.