Analyse
Flugzeugabsturz Würenlingen: Im Dickicht der (Geheim-)Dienste

Die Katastrophe von Würenlingen vor 50 Jahren wäre zu verhindern gewesen. Das schreibt der Autor Marcel Gyr («Schweizer Terrorjahre») in der NZZ vom Dienstag. Die Geheimdienste Israels und Deutschlands wussten von der Bedrohung. Aber sie zogen die falschen Schlüsse und informierten nicht. Die Tragödie war eine (Kommunikations-)Panne. Die Analyse.

christoph bopp
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Am 21. Februar 1970 explodierte - kurz nach dem Start - im Frachtraum eine Bombe. Sie war von palästinensischen Terroristen gelegt worden.
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Nach der Bombenexplosion im Frachtraum stürzte die Coronado der Swissair ab.
Trümmerteile liegen nach dem Absturz verstreut im Wald von Würenlingen, ganz in der Nàhe des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) und des AKW Beznau.
Den ersten Helfern zeigt sich ein Bild des Grauens: Trümmer- und Leichenteile liegen verstreut im Wald.
Die Unglücksmaschine: Die Convair-990 Coronado HB-ICD der Swissair.
Passanten sehen sich die Trümmer des Flugzeuges an.
Der Swissair-Captain versuchte nach der Detonation zum Flughafen Kloten zurückzufliegen. Doch Rauch im Cockpit verunmöglichte die Sicht.
Die 38 Passagiere und die 9 Besatzungsmitglieder kamen bei dem Absturz ums Leben.
Pressekonferenz der Eidgenössischen Flugunfall-Kommission: Dr. Jakob Meier vom Wissenschaftlichen Dienst der Zürcher Stadtpolizei zeigt das grösste Trümmerteil. Dr. Jakob Meier vom Wissenschaftlichen Dienst der Zürcher Stadtpolizei zeigt das grösste Trümmerteil.
Die Trümmer der Maschine.
Ehrenzermonie nach der Ankunft der Körper der israelischen Opfer auf dem Flughafen Lod inahe Tel Aviv am 6. März 1970.
Die Trümmer der Maschine.
Links ein neuer, rechts der in den Trümmern gefundene, zerstörrte Höhenmesser, der die Explosion im Frachtraum auslöste.
Ein Wegweiser führt in Würenlingen zum Denkmal bei der Absturzstelle im Wald.
In der Tonhalle in Zürich fand am 26. Februar 1970 eine Trauerfeier statt.
Die Bundesräte Roger Bonvin (links) und Ernst Brugger (rechts) bei der Trauerfeier in der Tonhalle in Zürich.
Bei Würenlingen wird am 7. März 1971 an der Absturzstelle eine Gedenkstätte eingeweiht.
Die Gedenkfeier am 18. Februar 1990 beim Denkmal auf der Absturzstelle.

Am 21. Februar 1970 explodierte - kurz nach dem Start - im Frachtraum eine Bombe. Sie war von palästinensischen Terroristen gelegt worden.

Keystone

Am 21. Februar 1970 stürzte in Würenlingen eine Swissair-Maschine ab und 47 Menschen an Bord kamen zu Tode. Man kennt die Täter. Zur Verantwortung gezogen wurden sie nie. Natürlich kann es keine Antwort auf die Frage geben: Warum mussten diese 47 Menschen sterben? Aber die Angehörigen der Opfer wurden von den Institutionen, denen es eigentlich obliegen würde, die Hintergründe aufzuhellen, völlig im Stich gelassen. Und das tut weh.

Nicht, dass man nichts gemacht hätte. Irgendwo stapeln sich die Akten. Aber dass die Behörden die Aufklärung nicht mit letzter Konsequenz vorangetrieben haben, dieser Eindruck wurde in den letzten Jahren immer deutlicher. 2016 lieferte der NZZ-Autor Marcel Gyr mit seinem Buch «Schweizer Terrorjahre» einen Hinweis, dass die Aufklärung einem anderen Ziel zum Opfer gefallen sei: Die Schweiz habe mit den palästinensischen Terroristen einen Stillhalte­deal ausgehandelt.

Eine Kommunikationspanne – zu peinlich, um sie einzugestehen

Staatsräson wäre immerhin noch knapp nachvollziehbar. Aber Marcel Gyr und die NZZ legten am Dienstag nach: Das Attentat wäre zu verhindern gewesen. Die Geheimdienste von Israel und Deutschland wussten Bescheid, dass etwas in der Luft lag, versäumten es aber, diese Information weiter zu geben. Eine Kommunikationspanne bei den Diensten sei es gewesen. Und weil das so peinlich ist, habe man das nicht öffentlich machen können, sondern hätte es vertuschen müssen.

Für Uneingeweihte war es ein Schock. Natürlich hatten die Palästinenser im Nachgang des Sechstagekrieges 1967 Israel den Krieg erklärt. Flugzeuge der El Al anzugreifen oder zu entführen, das fiel für die Palästinenser durchaus unter die «erlaubten» Kriegsziele. Dann kamen die Entführungen von Flugzeugen fremder Nationen, um eingesperrte palästinensische Kämpfer frei zu pressen. El-Al-Maschinen wären demzufolge auch denkbare Ziele für hinterhältige Bombenattentate gewesen.

Aber Flugzeuge fremder Nationen? Dass die Swissair- und die ebenfalls attackierte Maschine der AUA nicht die primären Ziele der Bombenleger gewesen wären, scheint plausibel. Die Israeli verhinderten, dass die Bomben an Bord ihrer Maschinen kamen. In Frankfurt verweigerten sie die Annahme von Paketpost. Und änderten ihre Flugpläne. Und die entscheidenden Hinweise auf die Täter in Frankfurt kamen von einem israelischen Studenten, der als Hilfsportier jobbte.

In Hessen beim Verfassungsschutz statt in Kloten

Die Information aus Israel sei bei einem «lokalen Inlandgeheimdienst» in Deutschland gelandet, schreibt Gyr. dem «Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) Hessen». Offenbar fiel den Herren dort nicht ein, dass die israelische Warnung auch relevant für andere Fluggesellschaften und Länder sein könnte. Nicht einmal, als die Bombe in der AUA-Maschine bereits explodiert war, informierte man die Swissair.

Das Muster kommt einem nicht ganz neu vor. Auch die Attentäter von 9/11 waren dem FBI oder der CIA bekannt. In irgendwelchen Datenbanken existierten sie schon. Aber die Informationen wurden nicht weiter gegeben. Der entscheidende Hinweis hätte sich allenfalls eingestellt, wenn die Informationen verknüpft geworden wären.

Informanten gäbe es genug, aber sie werden voneinander abgeschirmt

Die Ursache liegt in der Logik der Sache: Terrorbekämpfung. Auch Geheimdienste sind als Dienste Einheiten der Verwaltung. Verwaltung ist immer Verwaltung von etwas. Je besser organisiert ihr Gegenüber, ihr Objekt, ist, desto besser funktionieren Verwaltungen. Geheimdienste «verwalten» Objekte, die entweder nicht oder ganz anders organisiert sind als sie selbst.

Terrororganisationen – nicht nur palästinensische – sind viel weniger straff organisiert, als man sich vorstellt. Will man effektiv gegen sie vorgehen, gerät man oft «zu nahe». Das zeigte sich beim NSU-Skandal in Deutschland. Überall gab es Informanten, eigentlich wäre genug Wissen vorhanden gewesen. Aber es konnte nicht zusammengeführt werden, weil jede Verwaltungseinheit «ihren Informanten» glaubte schützen zu müssen.