Kommentar
Digitalisierung: Wo ist der schweizweite Taktgeber?

Wir sind in der Schweiz Zeugen eines sich anbahnenden schulischen Chancenungleichheitsproblems: Der Zugang und die Teilhabe aller Schulkinder an der neu eingeführten Informatik-Bildung. Der Gastkommenter von Hans Zbinden zur Digitalisierung an unseren Schulen.

Hans Zbinden
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Der Bund hat keine Übersicht über die digitale Bildung.

Der Bund hat keine Übersicht über die digitale Bildung.

Thinkstock

Wie uns die EU am Beispiel der Hochschulen zeigt, können auch Staaten (Kantone und Schulen) im Wandel voneinander lernen. Auch bei der Digitalisierung.

In diesen Tagen bereist unser Bildungsminister mit seinen Experten die halbe Welt. Unterwegs in der Mission, unserem Erfolgsmodell der dualen Berufsbildung international Geltung zu verschaffen. Dabei setzt er bei den besuchten Kongressen, an den Berufsweltmeisterschaften oder bei Staatsbesuchen immer eines voraus: Die Besuchten und Angesprochenen wollen und sollen von der Schweiz lernen! Doch wie sieht es umgekehrt aus: Mit dem frühen Erkennen eigener Schwächen und dem Interesse an guten Lösungen anderer?

Zur Person

Hans Zbinden ist Bildungswissenschafter und Politiker. Er war aargauischer Grossratspräsident und Nationalrat und gilt als Vater der Bildungsartikel in der Bundesverfassung. Bis vor kurzem präsidierte er die Eidgenössische Fachhochschulkommission.

So sind wir zurzeit im eigenen Land Zeugen eines sich anbahnenden schulischen Chancenungleichheitsproblems: Der Zugang und die Teilhabe aller Schulkinder an der neu eingeführten Informatik-Bildung. Deren flächendeckende Verbreitung verläuft mit grossen Qualitäts- und Entwicklungsunterschieden zwischen Gemeinden, Kantonen, Stufen und Bereichen unseres föderalen Bildungswesens. Diese neue und nicht nur zwischen Generationen entstehende Ungleichheit wird uns – wie einst die familiären und regionalen Herkunftsungleichheiten – bildungspolitisch noch grosse Sorgen bereiten! Mitverursacht durch einen politisch untersteuerten Verbreitungsprozess der Informatik-Bildung, der in den Kantonen, Gemeinden und Schulen ganz unter- schiedlich verläuft. In der Art und Geschwindigkeit des Ablaufs, im Grad der technischen Ausstattung, der Weiterbildung des Personals oder in der Professionalität seiner Umsetzung.

Weder Bund noch EDK verfügen über eine gesamtschweizerische Übersicht über Stand und Entwicklung der digitalen Bildung an Schulen und auf Stufen. Genauso fehlen ihnen klare Erkenntnisse über die Verbreitungslogik der laufenden Transformation. Schrittmacher bei der Verbreitung der Digitalisierung scheinen vorab ressourcenstarke, wirtschafts- und technologienahe Kantone, Gemeinden und Schulen zu sein. Nicht selten angeregt durch Initiativen von Einzelpersonen, Behörden, Lehrkräften und Eltern.

Dabei bestimmen vorwiegend Markt, Technologie und Innovation die Verbreitung und den Takt der landesweiten Bildungsdigitalisierung. Und nicht etwa die universell orientierte Wissenschaft. Oder gar die dem Gemeinwohl verpflichtete Politik. Und dies, obschon Bund und EDK in ihren Strategien zur Digitalen Schweiz vor kurzem festgehalten haben, dass am digitalen Wandel vor allem die Zivilgesellschaft mit allen Bürgerinnen und Bürgern teilhaben soll. Doch für die Verwirklichung dieser Ziele fehlt es uns einmal mehr an Verantwortung gegenüber dem bundesstaatlichen Ganzen, mit klar zuständigen Instanzen, die auch jetzt bei der digitalen Transformation für ein faires Teilen von Wissen, Technologie und Geld unter allen Betroffenen sorgen. Denn in letzter Zeit sind infolge der zunehmenden Standortkonkurrenz die Kooperationsbereitschaft und der Wissensaustausch zwischen Kantonen und Gemeinden geschwächt worden.

Umso wichtiger wäre es, nach neuen Formen der Zusammenarbeit Ausschau zu halten. So hat die Europäische Union in den letzten Jahrzehnten eine nachahmenswerte Harmonisierungsmethode für ihre Mitgliedsländer entwickelt: Im Hochschulbereich etwa bei der länderübergreifenden Umsetzung der Bologna-Deklaration.

Das Projekt arbeitet mit gemeinsamen Rahmenvorgaben für alle Länder. Erlaubt ihnen aber unterschiedliche und individuelle Wege der Realisierung. Voraussetzung für eine Mitwirkung ist das Verständnis für einen «lernenden Föderalismus», an dem sich alle beteiligen. Dabei tauschen sie regelmässig ihre Entwicklungsfortschritte aus. Im Falle der Hochschulen beispielsweise den Ausbaustand von Bachelor-, Master- und Doktorats-Studiengängen. Verbunden mit Hinweisen auf Schwierigkeiten. Anhand dieser nationalen Zwischenberichte beraten daraufhin alle Bildungsminister(innen) an den regelmässig statt- findenden Nachfolgekonferenzen die vorliegenden Fortschrittsergebnisse. Anschliessend legen sie Ziele und Empfehlungen für die kommende Zeit fest.

Auf diese Weise konnte sich europaweit ein effizientes Anreizsystem mit kleinem Regulierungsaufwand entwickeln. Auf das Schweizer Hochschulwesen übertragen, hiesse das: Die regelmässige interkantonale Fortschrittsberichterstattung würde im alle vier Jahre erscheinenden Nationalen Bildungsberichterfolgen.