Leben in Aarau
Die Quotenfrau

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«Die Quotenfrau ist das Lieblingsfeindbild der Leistungsgesellschaft. Sie ist inkompetent, unqualifiziert, faul. Besetzt nur wegen ihres Geschlechtes eine Position, die ihr aufgrund der Leistung gar nicht zusteht.» Das ist noch eine freundliche Umschreibung. Der Begriff Quotenfrau ist nicht bloss negativ besetzt, gerichtet an eine erfolgreiche Frau, gleicht er einer üblen Beschimpfung.

Ironischerweise sind Quoten aber eine Selbstverständlichkeit in unserem politischen System. Die Schweiz ist ein Land der Quoten. Wir bezeichnen sie einfach wohlwollend als Föderalismus. Ein Ständerat aus dem Kanton Schwyz ist eigentlich nichts anderes als ein Quoten-Schwyzer. Deswegen unterstellen wir ihm aber nicht, dass er nur aufgrund seiner Kantonszugehörigkeit gewählt wird und sprechen ihm jegliche Qualifikation ab. Nein, vielmehr finden wir es richtig und wichtig, dass alle Kantone angemessen repräsentiert sind.

Die Vertretung regionaler Minderheiten ist also ein Grundprinzip der Schweizer Demokratie, die Vertretung der weiblichen Hälfte der Bevölkerung ist bestenfalls ein «Nice-­to-have», schlimmstenfalls ein Affront gegen das Leistungsprinzip. Die unterschiedliche Wertung der Quoten erklärt sich im Machtgefüge. Die Quotenfrau ist eine Erfindung mächtiger Männer, die diese Macht nicht teilen wollen und damit aus dem legitimen Anspruch einer Minderheit etwas Lächerliches machen. Statt von der Frauenvertreterin wird abwertend von der Quotenfrau gesprochen.

Dieses Framing ist extrem erfolgreich. Ich kenne kaum eine Frau, die sich innerlich nicht ein bisschen fürchtet, als Quotenfrau abgestempelt zu werden – und damit alle Eigenleistung aberkannt zu bekommen. Auch deswegen hüten sich viele Frauen, aktiv für eine Quote einzutreten – ein Selbstschutz. Denn durch die Ablehnung der Quote grenzt man sich ab, man versichert den anderen und sich selber: «Ich bin keine Quotenfrau.»

Dazu kommt, dass Frauen in Männerdomänen oft davon profitieren, sich lautstark gegen die Quote auszusprechen. Ich hätte hier eine Kolumne schreiben können, die die Frauenquote zerreisst und der Applaus der Mehrheit der Männer wäre mir wohl sicher gewesen. Eine Frau, die sich gegen die Quote ausspricht, ist schliesslich das beste Argument für ihre Überflüssigkeit. Sich als Frau für die Frauenquote einzusetzen, ist hingegen weniger angenehm; Anerkennung ist kaum zu erwarten, eher Hass und Häme. Das zeigen leider oft die Kommentarspalten zum Thema.

Während ich Männer, die sich gegen eine Quote aussprechen, aus einer rationalen Perspektive durchaus verstehen kann, muss ich über die Ablehnung der Frauen – interessanterweise oft junge Frauen in meinem Alter – immer etwas stutzen. Die traurige Wahrheit ist nämlich, um als Quotenfrau zu gelten, braucht es keine Quote. Welcher erfolgreichen Frau wurde von Konkurrenten nicht schon vorgeworfen, diesen Erfolg nur ihrem Geschlecht zu verdanken? Am Schluss sind wir Frauen, so­lange wir eine Seltenheit bleiben, alle einmal die Quotenfrau.

Entweder warten und hoffen wir, dass der gesellschaftliche Wandel das Ende der Quotenfrau in den nächsten Jahrzehnten von alleine mit sich bringt, oder wir beschleunigen diese Entwicklung mit der Einführung von Geschlechterquoten. Denn mit der Quote verschwinden auch die Quotenfrauen. Langfristig gibt es dadurch so viele qualifizierte Frauen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, dass eine einzelne erfolgreiche Frau nicht mehr heraussticht. Wie die Quoten-Schwyzer sind sie dann einfach Alltag.

Fiona Wiedemeier (26) ist Geschäftsführerin der GLP Kanton Zürich,politischeMultitaskerin und Katzenmensch.