Meiereien
Der Mann mit der Säge

Jörg Meier
Jörg Meier
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Eine Säge. (Symbolbild)

Eine Säge. (Symbolbild)

Pixabay

Am letzten Sonntagnachmittag in Bozen. Am dicht bewachsenen Ufer der Talfer – so heisst der kleine Fluss, der durch die Südtiroler Hauptstadt fliesst – sägt ein älterer Mann scheinbar wahllos mit einer grossen Säge Lücken in Büsche und Sträucher. Neben ihm steht seine Tochter auf einem Küchentaburett und gestikuliert in Richtung des nahen Gefängnisses, das die Büsche grösstenteils verdecken.

Die Aktion, die nach einer absurden Performance eines hoffnungsvollen Künstlers aussieht, hat durchaus einen praktischen Sinn. Denn hinter den Büschen sitzt der Schwiegersohn des Mannes mit der Säge in Haft. Er möchte seine Frau, die auf dem Taburett steht, gerne von seiner Zelle aus sehen. Das geht aber nur, wenn der Schwiegervater zuerst die störenden Äste eliminiert. So dirigiert der Schwiegersohn von der Zelle aus, was wegmuss, damit er seine Frau endlich sehen kann; sie steht auf dem Taburett und winkt eifrig, der ältere Herr sägt.

Aber sie kommen nicht zum Ziel. Die Polizei taucht plötzlich auf, nimmt dem Sägenden die Säge weg und führt ihn auf die Quästur, wo er sein Tun erklären muss. Er versichert, er habe lediglich die Kommunikation zwischen Tochter und Schwiegersohn ermöglichen wollen, keinesfalls sei es seine Absicht gewesen, die Uferbepflanzung zu freveln.

Das ist alles. Ich weiss nicht, warum der Schwiegersohn im Gefängnis sitzt oder ob die Säge als Tatwerkzeug gilt und konfisziert bleibt. Aber weil ich fast gleichzeitig auch in Bozen war und um ein Haar Zeuge des Vorfalls geworden wäre, schien mir diese Geschichte doch erzählenswert, vor allem deshalb, weil sie ein schönes Beispiel für ausgeprägten Familiensinn ist.

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