Drohnen
Das Ding sirrt, wie wir träumen

Gedanken zur Faszination der Drohnen, mit einem Taucher in die Tiefenpsychologie.

Max Dohner
Max Dohner
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Die Drohen: Das unbemannte Luftfahrzeug fasziniert - auch in der Schweiz. Christian Beutler/Keystone

Die Drohen: Das unbemannte Luftfahrzeug fasziniert - auch in der Schweiz. Christian Beutler/Keystone

KEYSTONE

Hätte der Joystick einen Knopf gehabt zum Feuern, der Mann hätte wohl geschossen. «Achtzehn Jahre, Boom! Achtzehn Jahre sind gelöscht.» Der Mann meinte achtzehn Jahre Ehe. Eben hatte er seine Frau ertappt, wie sie einen anderen küsste und nachher zum Kerl ins Auto stieg. Zweimal war der Mann seiner Gattin heimlich zu Fuss gefolgt und überführte sie nicht. Jetzt klappte es – achtzehn Jahre, Boom! – dank einer Drohne.

Der Mann musste von der Stube aus, am PC, mit ansehen, wie seine Frau die Haare lockerte, ehe der Liebhaber auftauchte; ein Zoomschalter an der Drohnenkamera machte das bubieinfach.

Das Wutvideo des Gehörnten ging diese Woche online. Ob alles daran stimmte? Der Mann hatte mit Facebook-Filmchen schon mal gutes Werbegeld gemacht; vielleicht war das sein neuster Streich. Festzuhalten ist dennoch Folgendes: Ein Jahrtausend-Topos (Ehebetrug) wurde ultramodern durchgespielt, technisch mit dem letzten Schrei, mithilfe einer Drohne. Damit ist sie vollends im Schlafzimmer angekommen, im Intimsten. Und das meinen wir sogar poetisch.

Schnäbi-Neid bis Mutter erdrosseln

Was sind wir im Schlafzimmer nicht schon durch die Welt geflogen! Unanfechtbar davon, was Träume vom Fliegen angeblich bedeuten ... immer irgendwas mit Schnäbi-Neid und Mutter erdrosseln. Wer nicht blind war, wusste immer, dass der Traum vom Fliegen nicht verwirklicht war. Der Jet ist nur ein Bus zwischen Wolken. Wingsuit ein Ritt über die Rasierklinge. Der Helikopter wendig, aber zu kompliziert. Der Doppeldecker ein stinkender Töff in der Luft. Fallschirm ein Flattersturz, kein Schweben. Segelflug abhängig von der Thermik. Nicht mal Deltafliegen führt traumhaft nahe zu den Dingen. Man kann die Drift nicht drosseln, nicht anhalten ... Erst jetzt, erst mit den Drohnen.

Drohnen sirren Häusern entlang, gleiten über Kuppeln, gehen wie Geist übers Wasser, äugen in Gletscherspalten, begleiten Delfine, Antilopen, umkreisen Menschen wie zutrauliche Vögel. Genau so träumen wir vom Fliegen: leicht, frei und spielend. Denn im Traum flog stets der Geist, heisst: das innere Auge, die Seele. Darum sind wir trunken jetzt,bei dem, was Drohnen vor Augen führen. Die besten Fotografen lieferten Bilder einer Burg, eines Bergsees und mussten teils tief in den Sack dafür greifen. Jetzt lässt jeder eine Drohne steigen und sammelt Szenen, von denen man die Augen nicht mehr lösen kann. Alles hat etwas kindlich Hypnotisches.

Darum werden erst Drohnen der wahre Tsunami sein hinter der «digitalen Revolution». Die gipfelte im Smartphone und macht da allem Anschein nach vorläufig keine Quanten-Qualitätssprünge mehr. Drohnen hingegen bereichern, bedienen und verfeinern unseren Antrieb, die Dinge um uns herum wahrzunehmen. Die Plastikbrummer sind auf Anhieb sympathisch – wenigstens dort, wo Leute nicht mit dem Argwohn leben, ständig überwacht zu werden, oder gar traumatisiert sind durch militärische Drohnen. Sobald mehr Drohnen zu Boden und gegen Primetowers klatschen, ist es vorbei mit der Freizügigkeit und dem Spass. Beides hat der Schweiz bisher zu einem Innovationsvorsprung verholfen. Natürlich sind auch Drohnen nur so gut wie ihre Anwendung. Während an spanischen Stränden Drohnen bereits Rettung bringen, zügiger beim Ertrinkenden sind als jede Baywatch-Pamela, hat eine Kleindrohne des IS in Syrien jüngst den ersten Peschmerga-Kämpfer getötet.

Schritt zurück und voraus

Das Gute: In Ruanda wird ein Drohnen-Hub gebaut, um Medikamente über unzugängliche Gebiete zu transportieren. Das Modell soll Afrika an den raschen globalen Handel heranführen. Das Schlechte: Behörden rechnen mit mehr Spionage, Mobbing, Stalking, vor allem wenn Drohnen lautlos werden und ihre Augen auf Nachtsicht schalten. Gefängnisse wappnen sich gegen Schmugglerware, geliefert direkt ans Zellenfenster. Gefangene zu befreien, wird simpler: eine Drohne, zwei Holmen, sich dranhängen und entschweben zum nahen Wäldchen ... Personendrohnen gibt’s seit diesem Jahr: den EHang 184, made in China. Noch hält man selbstfahrende Autos für Zukunftsmusik. Hunderttausend computergesteuerte Personendrohnen sind möglicherweise schneller, ziehen sich über Land wie endlose Sesselbahnen ohne Seil. Man kann im Bürostuhl sitzen bleiben, durchs Firmenfenster düsen, die Bord-App walten lassen und sich zu Hause wieder an den Familientisch docken ... sofern da der Hausfrieden nicht gerade gestört wird durch eine Eifersuchtsdrohne.

max.dohner@azmedien.ch