Analyse
Dario Cologna will Antworten

Analyse zum Weltcup-Start der Langläufer, der mit Fragezeichen verbunden ist.

Rainer Sommerhalder
Rainer Sommerhalder
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Dario Cologna wurde 2014 zum zweiten Mal Olympiasieger. Dario Cologna ballt im Ziel die Faust
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Der Sieg bahnt sich an. Dario Cologna schaut sich die scheiternde Konkurrenz an
Dario Cologna ist 30 Sekunden nach Johan Olsson gestartet und überholt den Schweden, der Zweiter wird, auf der Zielgerade!
Dario Cologna ist zum zweiten Mal Olympiasieger: Er gewinnt über 15 km klassisch
Der Bündner deklassiert seine Gegner im frühlingshaften Sotschi
Völlig ausgelaugt lässt sich Cologna im Ziel fallen

Dario Cologna wurde 2014 zum zweiten Mal Olympiasieger. Dario Cologna ballt im Ziel die Faust

Keystone

Dario Cologna ist eine der grossen Figuren im Schweizer Sport. Der dreifache Olympiasieger hat den Langlaufsport hierzulande aus dem Dornröschenschlaf geküsst und das Interesse einer breiten Öffentlichkeit geweckt. Wo der Bündner in der Vergangenheit auch antrat, überall gehörte er zu den grossen Favoriten. 55 Podestplätze im Weltcup seit 2008 sprechen eine deutliche Sprache.

In die bevorstehende Saison steigt Dario Cologna indes mit einer gewissen Verunsicherung. Nach einem Winter zum Vergessen mit körperlichen Problemen – die Wade kristallisierte sich beim kompletten Langläufer Cologna erstmals so richtig als physischer Schwachpunkt heraus – ist es für ihn schwierig, sich einzuordnen und seinen derzeitigen Platz in der internationalen Hackordnung abzuschätzen. Der Anspruch bleibt die Ranglistenspitze, seine Werte in den Leistungstests vor einem Monat lagen folgerichtig auf absolutem Rekordniveau. Dies seien sie bereits vor einem Jahr gewesen, bremst Cologna die Optimisten aus dem Umfeld gewohnt nüchtern. «Dario ist der Chef im Ring», schwärmte hingegen Langlaufchef Hippolyt Kempf.

Immerhin stimmte das Timing bei Colognas Auszeit vom Siegerpodest; in der vergangenen Saison gab es weder WM- noch Olympiagold zu gewinnen. Deshalb verpasste der 30-Jährige im «Seuchenwinter 2015/16» letztlich nichts, was er nicht schon sein eigen nennen darf. Diese Lage ändert sich jetzt mit den Weltmeisterschaften im finnischen Lahti. Denn unter den Titelverteidigern sucht man Cologna vergeblich. Bei der letzten WM in Falun war Silber im Skiathlon für den Bündner das Höchste der Gefühle. Wobei ...

Hier fangen die Fragen des Dario Cologna erst an. Besiegt wurde der Bündner in Falun vom Russen Maxim Wylegschanin. Vielleicht gehört dieser auch – gemäss «New York Times» – zum Dutzend gedopter russischer Langläufer der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Dann würde der Schweizer den Titel erben – sofern die Russen durch den in zwei Wochen erscheinenden zweiten McLaren-Bericht zum staatlichen Dopingprogramm hieb- und stichfest überführt und jeweils für vier Jahre gesperrt werden. Cologna forderte darauf bereits im Sommer Antworten und kritisierte den derzeitigen Zustand der Ungewissheit. Doch nichts geschah, die Russen werden auch morgen beim Weltcupstart in Kuusamo ins Rennen steigen. Wenn das Internationale Olympische Komitee und der Skiverband FIS ihrem bisherigen Tempo treu bleiben, vielleicht sogar an der WM Ende Februar in Lahti. Definitive Entscheide könnten erst im Frühling fallen, warnte IOC-Präsident Bach schon mal. Folgt dann bei den Russen das Szenario «Daumen nach unten», käme dies einer massiven Verfälschung der ganzen Saison gleich. Ein GAU für die Glaubwürdigkeit der Ausdauer-Sportart, wie ihn eben erst die Leichtathletik erlitt.

Mit der Glaubwürdigkeit kämpfen derzeit auch die Langläufer aus Norwegen. Die Aushängeschilder und Gesamtweltcupsieger Martin Johnsrud Sundby und Therese Johaug erlebten in den letzten Monaten ihr «Doping-Gate». Während Sundbys viel zu hohe Dosis Asthmaspray mit einer harmlosen Sperre von zwei Monaten abgeurteilt wurde, drohen Johaug wegen der angeblichen Verwendung eines anabolikahaltigen Sonnenschutzmittels ernsthafte Konsequenzen. Auch hier fordern Cologna und Co. rasch Klarheit: Werden die Norweger wegen ihres tadellosen Anti-Doping-Leumunds allenfalls mit Samthandschuhen angefasst? Ist die erdrückende Dominanz der Langlauf-Nation vielleicht doch nicht so naturbedingt wie immer angenommen?

Egal, wie die Antworten aussehen werden – der Langlauf leidet darunter. Auch auf Dario Cologna färben sie ab. Der Münstertaler musste sich noch nie so viele Fragen über sein Asthma anhören wie in den letzten Wochen. Mit stoischer Ruhe erklärte er den persönlichen Gebrauch des Sprays, die Dosierung, die Folgen. Und kurz vor dem ersten Rennen kam die Warnung aus dem hohen Norden, von Norwegens Nachbarn aus Schweden: Cologna müsse darauf gefasst sein, dass die norwegischen Journalisten bei ihm noch viel hartnäckiger zum Thema Asthma nachfragen werden. Schliesslich verlor Sundby wegen seines Vergehens jüngst den Gesamtweltcupsieg der Saison 2014/15 nachträglich an Cologna. Dabei habe ihr Nationalheld Sundby letztlich ja nichts anderes gemacht als der Schweizer, so die Meinung vieler Norweger. Antworten verlangt also nicht nur Dario Cologna.

rainer.sommerhalder@azmedien.ch

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