Gleichstellung
Ansprüche – eigene vs. fremde

Die Rollenbilder von Mann und Frau befinden sich im Wandel. Eine Kolumne über die selbstbestimmte Entwicklung von Mann und Frau.

Esther Girsberger
Esther Girsberger
Drucken
Eine Schweizer Familie beim Mittagessen (Symbolbild)

Eine Schweizer Familie beim Mittagessen (Symbolbild)

Keystone

Es gab wenige Entwicklungen in den letzten Jahren, die der Gleichberechtigung der Frau zuwiderliefen: Frauen sind heute mindestens so gut ausgebildet wie Männer, ihnen steht die Berufswelt fast bis zuoberst offener denn je, und zumindest in den Städten gibt es auch genügend externe Betreuungsplätze für den Nachwuchs. Frauen werden gesucht, gefördert und gefordert. Damit einhergehend steigen die Erwartungen an die Männer, was jetzt auch wissenschaftlich bewiesen ist, glaubt man der neusten Studie der renommierten Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm von der Uni Fribourg. Die Untersuchung mit dem etwas zweifelhaften Namen «Projekt Tarzan» weist nach, wie die Ansprüche an die Väter steigen, während sie gleichzeitig hauptsächlich Mann sein sollen, zumindest, wenn es ums berufliche Fortkommen geht. Noch immer sind sie nämlich die Haupternährer.

Engagierte Vaterschaft würde nach wie vor am traditionellen Rollenbild der allzeit verfügbaren Mutter gemessen, was dazu führe, dass die ökonomischen Ressourcen unterbewertet werden. Nur wenn sich die Gesellschaft von der starken Mutter-Kind-Fixierung verabschiede, könnten die Männer ihr heimisches Engagement selbstbestimmt entwickeln – jenseits von mütterlicher Konkurrenz.

Auch mit 80 Prozent kann Mann eine wertvolle Arbeitskraft sein

«Die Gesellschaft» – sie setzt sich zusammen aus Männern und Frauen, mit einem leichten Männerüberhang. Also muss es wohl vor allem darum gehen, die selbstbestimmte Entwicklung des Individuums Mann und Frau zu fördern. Meint es das Individuum Mann wirklich ernst in seinem Willen, sich eingehender mit dem eigenen Nachwuchs zu beschäftigen, hat es sich primär gegenüber dem Arbeitgeber «selbstbestimmt zu entwickeln». Wenn die Performance am Arbeitsplatz stimmt, kann selbst dem konservativsten Chef gegenüber nachgewiesen werden, dass man auch mit 80 Prozent eine wertvolle Arbeitskraft bleibt. Mitglieder von internationalen Unternehmen sind schliesslich mindestens während 20 Prozent ihrer Arbeitszeit auf Reisen – die sie nicht nur mit dem Studium von Akten verbringen. Kein Mensch würde daran zweifeln, dass sie bei dieser 20-prozentigen Abwesenheit ein vollwertiges Arbeitspensum leisten. Dem wollte Matthias Mölleney, Ex-Personalchef der ehemaligen Swissair, Nachdruck verschaffen: Er schlug der damaligen Swissair-Konzernleitung vor, einen Lehrauftrag der Uni St. Gallen wahrzunehmen. Natürlich bedeute das eine Einschränkung der bezahlten Arbeitszeit von 100 auf 90 oder gar 80 Prozent. Das Management zeigte sich sofort dazu bereit. Ob es sich auch so offen gezeigt hätte, wäre es um die weniger renommierte Tätigkeit wie das Betreuen der Kinder gegangen? Das Grounding verhinderte leider eine Antwort.

Manchmal tragen Kinder einen Namen ohne Bezug zu dem der Mutter

Kommen wir zur selbstbestimmten Entwicklung der Frauen. Die heutige weibliche Generation zeigt sich entschlossen, ihren Anspruch von beruflichem und familiärem Engagement durchzusetzen. Die Absicht hört man wohl, doch fehlt es etwas am Glauben, was sich nur schon anhand eines vermeintlichen Details zeigt, nämlich bei der Namenswahl: Paare, die heiraten, können ihren angestammten Namen behalten. Die gemeinsamen Kinder erhalten seit dem Jahr 2013 aber entweder den Namen der Mutter oder des Vaters. Noch im Jahr 2014 waren es über zwei Drittel der Paare, die bei der Eheschliessung angaben, die Kinder sollten den Familiennamen des Vaters übernehmen.

Diese Wahl müsste den selbstbewussten Frauen der heutigen Generation eigentlich zuwiderlaufen. Bei einer Scheidung wird trotz der Möglichkeit des gemeinsamen Sorgerechts die Obhut der Kinder überwiegend (noch) den Frauen zugesprochen. Ziehen sie nach der Trennung in eine neue Umgebung, die von den Familienumständen nichts weiss, tragen die Kinder einen Namen ohne Bezug zu dem der Mutter. Der lateinische, weise Spruch «mater semper certa est» (die Mutter ist immer bekannt) hat in der Schweiz trotz der Fertilisations-Entwicklung in den weitaus häufigsten Fällen seine Berechtigung. Wird aber durch die Wahl zugunsten des väterlichen Namens in den Hintergrund gedrängt. Kommt die Frau aufgrund ihrer «selbstbestimmten Entwicklung» zum Schluss, die Kinder sollten den Namen des Vaters tragen? Ich vermute eher, dass sich das traditionelle Rollenbild der Schweiz selbstbestimmt entwickelt.

Die Autorin aus Zürich ist Publizistin, Moderatorin, Dozentin und Verfasserin mehrerer Bücher. Als Journalistin war sie unter anderem Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers». Die ausgebildete Juristin (Dr. iur.) ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien.