Kommentar
Philipp Hildebrand als Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft? Ein Kunsthaus ist kein Fürstentum

Philipp Hildebrand soll den Trägerverein präsidieren, der die Geschicke des Kunsthaus Zürich bestimmt. Was das mit Insidergeschäften zu tun hat, ist sonnen(könig)klar. Weshalb schweigt die Politik ?

Daniele Muscionico
Daniele Muscionico
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Wer über solche Räume verfügt, muss nicht unbedingt eine Bank sein. Sie gehören dem Kunsthaus Zürich. Ex-Banker Philipp Hildebrand soll hier demnächst die Fäden ziehen.

Wer über solche Räume verfügt, muss nicht unbedingt eine Bank sein. Sie gehören dem Kunsthaus Zürich. Ex-Banker Philipp Hildebrand soll hier demnächst die Fäden ziehen.

Amt für Städtebau, Zürich

In Zürich legt das Kunsthaus seinen Besucherinnen und Besuchern ein Osterei. Doch was süss schmecken könnte, ist in Wahrheit verdorben. Am Gründonnerstag wurde publik: Kaum scheinen die schwarzesten Bührle-Wolken verflogen, stösst das grösste Kunstmuseum des Landes seine wichtigsten Supporter und Sympathisantinnen, das Publikum, erneut vor den Kopf.

Ohne Angaben von Motiven und seiner Eignung teilen die Verantwortlichen mit: Philipp Hildebrand soll Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft werden. Der Nominierte ist der einzige Kandidat des Vorstandes jenes Trägervereins, der das Museum betreibt und zudem Eigentümerin ist der unschätzbar wertvollen Sammlung. Gewählt wird er –, wenn es denn eine Wahl ist, sich als Vereinsmitglied zwischen einem oder keinem entscheiden zu dürfen – Ende Mai.

Der ehemalige SNB-Präsident Philipp Hildebrand

Der ehemalige SNB-Präsident Philipp Hildebrand

Bloomberg

Philipp Hildebrand, der Mann, der eben noch die Geschicke der OECD lenken wollte, macht also Kunst. Der ehemalige Nationalbankpräsident und aktuelle Vizepräsident des weltgrössten Vermögensverwalters Blackrock will ein neues Feld bestellen. Er spricht sich das Talent zu, die Geschicke eines Museums zu leiten, das durch seinen Umgang mit der Bührle-Sammlung wie kein zweites in der internationalen Kritik steht.

Die Personalie schien zunächst eine Zeitungsente zu sein. Denn Hildebrand tritt in grosse Schuhe. Seine Vorgängerin Anne Keller Dubach war ausschliesslich der Kunst verpflichtet, sie war die Hoffnung auf eine Zeitenwende nach der Ära der Patriarchen, Walter Kielholz sass vor ihr 20 Jahre lang im Amt. Kandidat Hildebrand hat in Sachen Kunst als Leistungsausweis und biografische Fussnote immerhin anzubieten: Er wurde von einer Galeristin, die seine Frau war, durch den Vorwurf von Insidergeschäften 2012 um seinen Job gebracht.

Welche Rolle spielt bei der Nomination die öffentliche Hand? Eine verantwortungslose.

Im elfköpfigen Vorstand sitzen sechs Regierungsmitglieder aus Stadt und Kanton. Hildebrand scheint auch ihr Favorit zu sein. Selbst die Zürcher Stadtpräsidentin findet an ihm offensichtlich Gefallen. Vergessen, dass sie sich persönlich für die Kandidatur der ersten Frau in dieser Position starkmachte, dass sie Dubachs Wahl als Zeichen einer Neuorientierung und Öffnung des Kunsthauses verstand. Hildebrand steht wofür? Auf die Bitte um ein Gespräch mit dieser Zeitung antwortete er mit beredtem Schweigen.

Die Zeichen sind unmissverständlich: Es fehlt am Heimplatz weiterhin die Einsicht, dass sich das Haus mit seiner intransparenten Kommunikation den öffentlichen Goodwill verspielt. Museen waren einmal Bastionen autokratischer Macht, von Fürsten und Kirchen. Heute hat die Institution die Verantwortung, für seine Arbeit die Besucher zu gewinnen. Sie sind es nämlich, die sie erst möglich machen.

Die Zürcher Kunstgesellschaft hängt sogar existenziell am Tropf von Subventionen. Das Museum ist lediglich zur Hälfte eigenfinanziert, die andere Hälfte trägt die öffentliche Hand. Mit der Eröffnung des Chipperfield-Komplexes hat diese die Unterstützung grosszügigerweise sogar um 4,5 Millionen Franken auf 12,87 Millionen jährlich erhöht.

Fürsten müssen abdanken und ein Museum sich heute die direkte Frage gefallen lassen: Für wen und was verwendet ihr so viel Geld?

Der Fall Hildebrand ist ein Déjà-vu. Auch nach dem Fall Bührle, den das Haus durch – milde gesagt: suboptimale Kommunikation, schonungslos beurteilt: selbstherrliche Ignoranz – verloren hat, ist von Einsicht in demokratische Prozesse offenbar noch immer keine Rede. Lehren daraus muss nun die Politik ziehen. Andernfalls triumphiert im Fürstentum Kunsthaus tatsächlich das Insidergeschäft.

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