Sprachliche Moden und Marotten
Werber und Mundart: Eine ewige Problembeziehung

Unser Kolumnist Pedro Lenz analysiert einen neuen Gag der Werbeindustrie.

Pedro Lenz
Pedro Lenz
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Aggressive Farben. grosse Buchstaben: Die Werbeindustrie versucht alles, um die Aufmerksamkeit von potenziellen Kunden zu gewinnen.

Aggressive Farben. grosse Buchstaben: Die Werbeindustrie versucht alles, um die Aufmerksamkeit von potenziellen Kunden zu gewinnen.

Keystone

Mundart schaffe Nähe und Unmittelbarkeit, sagen diejenigen, die sich damit auseinandersetzen. Mundart sei nicht bloss unsere Muttersprache, es sei auch die Sprache des Herzens, die Sprache der Familie, die Sprache, in der wir Deutschschweizer so sein dürfen, wie wir uns fühlen. Mundart ist ein bisschen wie den ganzen Tag im Pyjama auf dem Sofa fläzen und selbst gebackene Züpfe essen.

Solche Überlegungen machen sich von Zeit zu Zeit auch Werbebüros. Sie sagen sich vermutlich: «Hey, Mundart ist das Ding der Stunde. Mundart ist the real stuff. Warum preisen wir unser Produkt nicht in Mundart an? Mundart geht doch direkt in die Köpfe derer, die wir ansprechen wollen!» Aus solchen oder ähnlichen Überlegungen ergeben sich dann tiefsinnige Werbebotschaften wie diese, aus einem Werbefilmchen transkribierte Aussage: «Für alli dini schlaflose Nächt, für alli dini Zwiifel, für all die Momänt, wo du dich nöd underkriege losch – de Kampf isch für dich!»

Es ist denkbar, geschätzte Leserinnen und Leser, dass Ihnen die Botschaft im ersten Augenblick nicht viel zu sagen vermag. Es ist möglich, dass auch Sie sich fragen, was genau für ein Kampf zu führen ist für schlaflose Nächte, für Zweifel und für Augen­blicke, in denen man sich nicht unterkriegen lässt. Und vielleicht haben Sie den Nerv, sich die Botschaft einmal laut auf der Zunge zergehen zu lassen: «Für alli dini schlaflose Nächt, für alli dini Zwiifel, für all die Momänt, wo du dich nöd underkriege losch – de Kampf isch für dich!»

Wir wissen nicht, wer diesen Satz in schweizerdeutsche Umgangssprache übersetzt hat. Klar scheint immerhin, dass es sich um eine beinahe wort­getreue Übersetzung aus dem Hochdeutschen handelt. Und wie wir
leicht feststellen, liess sich die Übersetzerin oder der Übersetzer selbst vor hohem Hochdeutsch wie der Wendung «nicht unterkriegen lassen» nicht unterkriegen.

Zusammengefasst dürfen wir festhalten, dass das Werbebüro die Idee von der Nähe und Unmittelbarkeit der Mundart straff und konsequent umgesetzt hat. Eigenartig ist bloss, dass sich in der zitierten Botschaft weder Nähe noch Unmittelbarkeit einstellen wollen. Viel eher wundern wir Werbekonsumenten uns über eine Sprache, die künstlicher kaum sein könnte.

Das hat wohl damit zu tun, dass niemand bei normalem Geisteszustand auf Schweizerdeutsch einen solchen Satz sagen würde. Die einzelnen Wörter mögen Schweizerdeutsch sein, der Satz ist es nicht. Solch hohle Sätze entstehen, wenn jemand meint, die Sprache dichte von selbst. Dabei macht die Sprache fast nichts von selbst. Sie entlarvt höchstens jene, die schlauer reden wollen, als sie sind.

Denen, die wissen möchten, welches Produkt mit dem Satz «Für alli dini schlaflose Nächt, für alli dini Zwiifel, für all die Momänt, wo du dich nöd underkriege losch – de Kampf isch für dich» beworben wird, sei verraten: Es geht um ein Kosmetikprodukt, mit dem sich Hautunreinheiten behandeln – oder genauer gesagt – bekämpfen lassen.