KOMMENTAR
Verlierer mag man nur, wenn sie leidenschaftlich kämpfen

Konservative Kreise fremdelten schon länger mit der Schweizer Nationalmannschaft. Doch das protzige, selbstgefällige Auftreten der Fussball-Millionäre führt nun auch in progressiven Kreisen zu einer Abkehr.

Stefan Schmid
Stefan Schmid
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Nati-Captain Granit Xhaka.

Nati-Captain Granit Xhaka.

Jean-Christophe Bott/ky

Sportlern verzeiht die Volksseele gemeinhin fast alles. Sie können sich übel betrinken, Leute unflätig beschimpfen, sich wie Kindsköpfe aufführen: Alles egal, solange die Einsatzbereitschaft und der Wille im Ernstkampf da sind.

Sie dürfen kläglich scheitern, wir lieben sie trotzdem heiss. Warum haben ausgerechnet Loser-Mannschaften wie Ambri-Piotta im Eishockey oder auch ein so unsteter Fussballverein wie der FC St.Gallen so viele treue Anhängerinnen? Weil sich die Fans mit dem Team identifizieren können. Weil die Spieler fighten, weil sie leiden, weil sie alles geben, weil sie für den Klub durchs Feuer gehen würden und in der Krise auch mal auf Lohn verzichten.

Diese ungeschriebenen Regeln gelten auch für die Schweizer Fussballnationalmannschaft. Solange sie aufopfernd kämpft und alles versucht, unterstützen wir sie. Da spielt das Resultat am Ende nicht die entscheidende Rolle. Was wir aber nicht ertragen, sind Niederlagen, die auf Überheblichkeit und Dummheit zurückzuführen sind. Wer vom EM-Titel schwafelt und dann gegen die Italiener sang- und klanglos untergeht, kann nicht auf Mitleid hoffen. Umso weniger, wenn man sich vorher die Haare färben liess, nachdem man den Lamborghini sauber vor dem Luxushotel parkiert hatte. Das mögen wir nicht. Das ekelt uns an.

Zuspitzende Entfremdung der progressiven Schweiz mit ihrer Nati

Und mit wir meine ich für einmal jene liberale, urbane Schweiz, die sich durchaus mit dieser Multikulti-Truppe identifizieren konnte bisher. Während konservative Kreise schon immer fremdelten mit einer Nationalmannschaft, in welcher die Müllers und Meiers eine kleine Minderheit bilden, drohen der Nati nun ausgerechnet jene Schichten den Rücken zu kehren, die sich mit der migrationspolitischen Realität unseres Landes problemlos arrangiert haben.

Es gibt sie, natürlich, jene Rassisten, welche mit den Xhakas und Shaqiris dieser Welt grundsätzlich ihre Mühe haben. Doch um diese Mitbürger geht es für einmal nicht. Was wir in diesen Tagen und Stunden erleben, ist eine sich zuspitzende Entfremdung der progressiven Schweiz mit ihrer Einwanderer-Nationalmannschaft. Diese Schweiz mag Migrantenkinder, sie mag bunte Quartiere und Städte, sie ist stolz auf die Integrationsleistung dieses Landes, in welchem Menschen unterschiedlichster Herkunft friedlich nebeneinander leben.

Die Nationalmannschaft wird in diesen Kreisen als Beweis dafür gesehen, dass die Assimilation funktioniert.

Dass jeder Bewohner ein guter Schweizer werden kann, wenn er fleissig und bescheiden seine Leistung erbringt.

Doch das schnöselhafte, überhebliche Auftreten einiger Nationalspieler, egal welcher Hautfarbe und Herkunft, das wirkt abstossend. Millionäre, die zum Zeitvertreib den Coiffeur bestellen und anschliessend auf dem Platz versagen, das finden auch Progressive nicht mehr lustig.

Hier geht es um Identifikation, um Leidenschaft

Diese Entfremdung ist bedauerlich. Wie haben wir doch mit der Nati mitgefiebert und sie gefeiert – etwa 1994 in den USA nach dem 4:1 gegen die Rumänen. Oder 2006 in Deutschland nach dem 2:0 gegen Togo. Die Schweiz, ein rot-weisses Meer. Die Müllers und Meiers, die Xhakas und Embolos lagen sich in den Armen. Jetzt haben wir sie wieder, diese Diskussion, warum unsere Stars die Hymne nicht intonieren wollen. Wir haben alle gesehen, mit welcher Inbrunst die Italiener ihre «Fratelli d’Italia» gesungen, ja hinausgeschrien haben. Was für eine Wucht! Was für ein Statement! Gänsehaut selbst bei jenen, die sonst jede nationalistische Wallung mit Skepsis quittieren. Doch wir ahnen: Hier geht es nicht um völkischen Nationalismus. Hier geht es um Identifikation, um Leidenschaft, um ein Zeichen, dass man bereit ist, für dieses Team, das ein Land verkörpert, alles zu geben.

Nein, liebe Nati, so verliert ihr unsere Herzen. Wir sehen euch jeden Bubenstreich nach. Aber diese Nonchalance, diese verblüffende Teilnahmslosigkeit, das ist unverzeihlich.