Kolumne
Frauen, helft Frauen! Denn machen wir es weiter wie die Krabben, wird das nichts mit der Befreiung

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Was Krustentiere mit Chancengleichheit zu tun haben.

Maria Brehmer
Maria Brehmer
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«Mein Männerneid-Beispiel ist auch ein Symptom der angeschlagenen Beziehung zwischen Frauen.»

«Mein Männerneid-Beispiel ist auch ein Symptom der angeschlagenen Beziehung zwischen Frauen.»

Foto: Sandra Ardizzone

In meiner perfekten Welt gönnt jede Frau jeder anderen Frau alles Gute. Gute Jobs zum Beispiel. Und gute Männer.

Ich schreibe hier aus der Sicht einer heterosexuellen Frau, die viele Jahre lang anderen heterosexuellen Frauen nicht mal die Butter auf dem Brot gönnte. Schon gar nicht attraktive, gescheite Single-Männer, die nett zu anderen Menschen sind.

Gönn dir! gab es nicht

Was hat Steffi, was ich nicht habe? Warum steht Paul – ist eins achtzig gross, Architekt und hilft seiner kleinen Schwestern gerne bei den Mathehausaufgaben – auf Steffi und nicht auf mich? Das Leben ist unfair.

Ja, das erwähnte Beispiel dafür, welche Auswüchse meine latente Konkurrenz mit anderen Frauen zuweilen annehmen konnte, vor allem in meinen ausgehfreudigen Zwanzigern, ist einigermassen banal. Aber aus dem Leben gegriffen! Und typisch – oder haben Sie je eine Frau erlebt, die über eine andere Frau gesagt hat, die nicht ihre beste Freundin war: «Wow, schau dir Steffi an, die ist mit diesem tollen Typen zusammen, Paul heisst er, das hat sie super gemacht!» Ich nicht.

Schon als Mädchen lernte man, sein Verhalten auf die Bedürfnisse von Männern auszurichten

Mein Männerneid-Beispiel ist aber auch ein Überbleibsel jener angeschlagenen Beziehung, die Frauen im Allgemeinen über Jahrhunderte hinweg untereinander pflegten: Rivalität.

Bis vor wenigen Jahrzehnten noch musste eine Frau verheiratet sein, um ein Mindestmass an Gesellschaftsfähigkeit aufweisen zu können. Darum lernten schon Mädchen ihr Verhalten auf die Bedürfnisse von Männern auszurichten und Nebenbuhlerinnen abzuwerten. Oft unbewusst.

Waren sie verheiratet, kümmerten sie sich um den Mann, die Kinder, selten um sich selbst. Wo hätte da das Kümmern um andere Frauen noch Platz haben sollen?

Frauen geniessen selten einen Vertrauensvorschuss

Man spricht vom «Krabbenkorbsyndrom», wenn Frauen andere Frauen kleinzuhalten versuchen, und man findet es noch heute. In Krabbenkörben gefangene Krabben wären sich selbst zu befreien in der Lage, würden sie sich nicht ständig gegenseitig vom Ausgang wegziehen.

Forschungen zeigen, dass nicht nur Männer, sondern oft auch Frauen die Kompetenzen von Frauen mehr anzweifeln als jene von Männern. Politikerinnen begegnet ein Misstrauensvorschuss, den sie erst entkräften müssen, nicht selten gegenüber Geschlechtsgenossinnen. Eifersuchtsdramen unter Frauen, sogenannte «Zickenkriege», sind ein beliebtes Thema der Klatschpresse.

So tappt man in die Krabbenfalle

Auch ich dachte lange vor allem abwertend über die anmassende Frau, die sich einen verheirateten Mann greift, nicht über den untreuen Mann, der seine Ehefrau verletzt. Auch ich habe manchmal Mühe, wenn etwa im Job eine Frau Lob einheimst, die auch ich hätte sein können – was mir nicht passierte, würde ein männlicher Kollege gewürdigt. Auch ich war beleidigt, wenn andere Frauen mehr Erfolg (bei Männern) hatten als ich.

In meiner perfekten Welt gönnt jede Frau jeder anderen Frau alles Gute. Männer, Jobs, Lohn, Glück, Kinder, Garten, Paul und vieles mehr.

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